Von Horst Krüger

Dies ist ein schmales Buch‚ aber es hat Gewicht. Es umfaßt kaum 130 Seiten, aber was hier erzählt wird, könnte ganze Bibliotheken füllen und noch etwas mehr. Dies ist auch ein Stück Zeitgeschichte aus Deutschland, das kein Fachhistoriker so subtil kennen dürfte. Es ist schließlich ein intimes Journal, das Familiengeschichten im Dritten Reich aufblättert, die sicher einmalig waren und doch exemplarisch blieben für die Barbarei der Epoche.

Der Leser, der die Lektüre des Buchs beendet hat, fühlt sich vielleicht ratlos. Was soll man denn sagen zu dieser langen, bewegten Lebensgeschichte einer Frau, die hier ganz knapp ohne moralische Zeigefinger und späte Besserwisserei aufgeblättert wird? Nur dies ist zunächst gewiß: Ein „Roman“, wie der deutsche Verlag das jetzt aus dem Schwedischen übersetzte Buch von

Cordelia Edvardson: Gebranntes Kind sucht das Feuer; Roman; Carl Hanser Verlag, München 1986; 134 S., 24,– DM, aus dem Schwedischen von Anna-Liese Kornitzky

dem bundesrepublikanischen Publikum präsentiert, ist es bestimmt nicht. So etwas kann man sich nicht im Kopf und am Schreibtisch ausdenken. Als Fiktion, also Kunstprodukt würde es ganz unglaubwürdig und maßlos übertrieben wirken, fast obszön. Aber nichts ist hier Phantasie, alles ist erlebt, erfahren, erinnert. Und wenn man zugleich in Rechnung stellt, daß dies das erste literarische Werk einer Frau Mitte Fünfzig ist, mag man auch ahnen, daß man hier als Leser in einen ziemlich intimen Prozeß der Selbstfindung geraten ist, der sich auf eigentümliche Weise literarischen Kategorien entzieht. Was immer das nun sei: Es ist ein Schritt zur Selbstfindung eines verstörten Ichs, den wir erleben. Kein Kunstwerk, ein Leben wird hier wiederhergestellt. Schreiben als Therapie, Erinnern als schmerzhafter Prozeß der Selbstbefreiung, könnte man sagen.

Wer ist Cordelia Edvardson? In dieser Frage nach der Identität der Autorin bricht schon die Thematik des Buchs mit voller Schärfe auf. Man könnte zum Beispiel sagen: Cordelia Edvardson sei eine schwedische Journalistin, im Blätterwald des skandinavischen Landes seit den sechziger Jahren bekannt, ja berühmt. Man könnte mit gleichem Recht sagen, sie sei eine Jüdin, die, wie so viele Heimkehrer, nach Israel ins Land ihrer Väter heute gefunden hat. Sie lebt seit etwa zwölf Jahren in Jerusalem. Mit noch größerem Recht könnte man aber auch sagen: Cordelia Edvardson war einmal die älteste Tochter der deutschen Dichterin Elisabeth Langgässer, die gleich nach Kriegsende, von 1945 bis zu ihrem frühen Tod 1950 im rheinpfälzischen Rheinzabern, Deutschlands berühmteste Schriftstellerin war. Ihr Werk, heute weit verstreut in der Verlagslandschaft und fast vergessen beim Lesepublikum, wurde von der „Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung“ in Darmstadt noch posthum im Herbst 1950 mit dem renomierten Büchner-Preis ausgezeichnet.

All diese Auskünfte, so widersprüchlich sie scheinen, sind zutreffend. Sie beschreiben Lebensstationen der Autorin. Sie wuchs im Berlin der dreißiger Jahre im Schatten der großen Mutter auf. Nach dem Krieg wurde sie in Stockholm eine prominente Publizistin. Erst in den siebziger Jahren fand sie schließlich im Staat Israel ihre jüdische Identität, spät. Es ist also eine Entwicklungsgeschichte, die hier erzählt wird. Ihr Inhalt heißt knapp, aber genau definiert: Wie man ein Jude wird – unter den Schlägen der Geschichte, gestern und heute.