Von Nina Grunenberg

Paris, im März

Am Sonntag hatte der Volkssouverän gesprochen, aber schon am Montag war der Präsident wieder Herr des Geschehens. Kurz vor den Abendnachrichten um 20 Uhr erschien François Mitterrand überraschend im Fernsehen – angekündigt nur von höfischer Barockmusik, ihm zur Seite nichts als die Trikolore. Sehen ließ er sich nur, um zu versichern, daß er die im Wahlergebnis zum Vorschein gekommenen Regungen der französischen Volksseele respektieren und die Verfassung entsprechend anwenden wolle. Den Namen von Jacques Chirac, des Pariser Bürgermeisters, der diese komplizierte Gemengelage in seiner Person verkörpern soll, nannte er noch nicht. Er versprach nur, den Kandidaten aus den Reihen der neuen rechten Mehrheit im Parlament zu bestellen. „Haben wir Vertrauen“, appellierte Mitterrand am Ende seiner dreiminütigen Ansprache mit der Miene eines benevolenten Monarchen, der sich im Einklang mit seinem Volke weiß: „Was uns verbindet, ist noch stärker (als das, was uns trennt): Es ist die Liebe zu unserem Land. Vive la Republique! Vive la France!“

Der Sinn der Franzosen für das theatralische Dekor, auf das sie auch in der Politik nicht verzichten, läßt einen auf Nüchternheit getrimmten, bundesdeutschen Republikaner nicht selten vor Bewunderung erschauern. Er sieht nicht nur die gaullistische Tradition, in der ein Präsident der Fünften Republik steht, sondern auch noch die Schatten, die Ludwig XIV. bis ins Jahr 1986 wirft. Doch selbst die Pariser Börse war vom Auftritt Mitterrands nicht unbeeindruckt geblieben. In ihrer Enttäuschung über die magere Mehrheit der Rechten hatte sie am Montag etwas grobschlächtig mit einem durchschnittlichen Kursabfall von 4,2 Prozent reagiert. Nach der Rede des Präsidenten schöpfte sie neue Hoffnung für ihren Kandidaten Jacques Chirac. Im Vertrauen auf die von ihm erwartete „rechte“ Politik war sie schon am Dienstag wieder bereit, die Kurse nach oben ausschlagen zu lassen.

Frankreich ist ein konservatives Land. Fünf Jahre lang konnten die Sozialisten das notdürftig kaschieren, aber am Wahlabend ließen sich die Realitäten nicht mehr länger leugnen. In der Rundfunkanstalt Europe I, die alles, was in Paris gut und teuer ist – vom hohen Regierungsbeamten und Bankier bis zum Starjournalisten, vom Botschafter bis zum Wirtschaftsführer –, schon vor Beginn des offiziellen Wahlprogramms eingeladen hatte, damit sich die bessere Gesellschaft unter Ausschluß der Öffentlichkeit – die Türen wurden abgeschlossen – an ersten Hochrechnungen gütlich tun konnte, wurden die Gesichter trotzdem immer länger: Die Mehrheit, die die französische Rechte – nach den ersten Hochrechnungen – mit 287 Sitzen und den 32 Plätzen für Le Pens Nationale Front errungen hatte, war den meisten zu wenig. Was sie erwartet hatten, war am Samstag vom vulgär-konservativen Figaro gegen alle Spielregeln in balkengroßen Lettern als „letzte Prognose“ verkündet worden: 361 Sitze (unter Einschluß der Nationalen Front). Die Zeitung hatte damit schamlos auf die Neigung des Wählervolks spekuliert, sich dem Lager des Stärkeren anzuschließen.

öfter als ein faktengläubiger Deutscher denkt, ist in Frankreich der Wunsch der Vater des Gedankens. Vom Vorgefühl einer Schicksalswende war im Wahlkampf wenig zu spüren gewesen. Zwar rückten die Wähler am Sonntag nach rechts, aber maßvoller als von vielen erhofft. Nur mühsam konnte Charles Pasqua, ein prominenter Gaullist, Zorn und Niedergeschlagenheit verbergen, als er sich in der „Maske“ für seinen Interview-Auftritt im hauseigenen Fernsehen von Europe I die Nase pudern ließ. Von 20 Uhr an traf sich die Nomenklatura – ein Begriff, der sich auch in Frankreich inzwischen eingebürgert hat – an den kalten Büfetts der beiden Fernsehgesellschaften. Aber die Stimmung wurde nicht besser, man gab sich höchstens gleichgültiger und sprach lieber über die Kinder als über die Wahl. Es hatte ein „schöner Abend“ werden sollen, aber das Vergnügen der classe politique war von den Wählern nicht in Rechnung gestellt worden. So konnte keine Freude aufkommen, nicht einmal das traditionelle Hupkonzert fand statt. Niemand marschierte auf die Champs-Elysées, die traditionelle Siegerstraße der Rechten, und die Linken stürmten nicht zur Bastille. Nicht einmal die klägliche Niederlage der Kommunisten (9,8 Prozent, vor zehn Jahren waren es noch über zwanzig Prozent gewesen) gab Anlaß zur Befriedigung: Pauvre Marchais, hieß es nur. Das Wahlergebnis hatte mehr Besiegte als Sieger hervorgebracht – das ließ auch der Jubel der Sozialisten an diesem Abend nicht vergessen: Ihre unverhofften 32 Prozent machten sie zwar zur stärksten Kraft in der Nationalversammlung, aber geschlagen waren sie trotzdem. Auch das Freudendelirium, in dem sich die Anhänger der Nationalen Front (9,7 Prozent) dem Fernsehpublikum präsentierten, machte die Sache nicht besser. Die Figuren, die sich da zeigten, wurden nur als peinlich empfunden. Geredet wurde nicht darüber. Le Pen wurde an diesem Abend so sehr als Marginalie behandelt, daß jedem Deutschen der Seufzer entfahren mußte: „Stellen Sie sich doch vor, wir hätten dieses Wahlergebnis – 9,7 Prozent für die NPD, nicht auszudenken.“

Einigkeit herrscht in den politischen Lagern seit Sonntag nur in einem Punkt: François Mitterrand ist der Sieger dieser Wahl. Mit der Einführung des Verhältniswahlrechts und seinem persönlichen Einsatz während des Wahlkampfs gelang ihm ein Ergebnis, von dem seine Bewunderer behaupten, daß er es seit Sommer 1984 bis in die letzten Details ausgeklügelt habe. Befürchtet hatte das auch die Rechte. Noch in ihren kühnsten Träumen verfolgte sie der Präsident als ein Gespenst, das nur darauf bedacht erschien, Fallen zu stellen, Schlingen auszulegen und Manöver vorzubereiten, die Zwietracht im Lager der bisherigen Opposition säen sollten. Den „Florentiner“ nannten sie ihn – in Anlehnung, an die politischen Finassierer der italienischen Renaissance. Seit Sonntag ist die fast abergläubische Ehrfurcht der Franzosen vor Mitterrands Fähigkeiten ins nahezu Unermeßliche gestiegen. Der konstitutionelle Monarch (wie Mitterrand seine Rolle definiert) habe seinen „Thron gerettet“, meldete Le Monde halb ironisch, halb beeindruckt. Selbst die französische Linke, die ihn wegen der Zerstörung ihrer ideologischen Träume haßt, machte ihm zögernd ihren Diener: Die 32 Prozent, die die Wähler den Sozialisten konzedierten, eröffnen Perspektiven für eine linke Volkspartei, die bisher von kaum jemandem für möglich gehalten wurde, außer von Mitterrand.