Von Justin Westhoff

Es ist geradezu ein Musterbeispiel für das Dilemma der modernen Medizin: Bei den Transplantationen haben die Ärzte in den letzten drei Jahrzehnten herausragende Fortschritte erzielt. Sie wurden unter anderem erst möglich durch die Einführung von Medikamenten zur Unterdrückung der Abstoßungsreaktionen („Immunsuppresiva“). Damit aber steigt die Infektionsanfälligkeit der Organempfänger enorm an. Teils bedrohliche Infektionen mit Erregern jeglicher Couleur sind denn auch eines der, wenn nicht das Hauptproblem heutiger Transplantationsmedizin.

Schon Mitte des letzten Jahrhunderts hatten Ärzte erstmals Hautteile übertragen und sogar einen plastischen Nasenersatz gewagt. Aber erst am Vorweihnachtsabend des Jahres 1954 begann das Zeitalter der Organübertragungen: Einem jungen Mann mit funktionsuntüchtigen Nieren wurde, erfolgreich, die linke Niere seines Zwillingsbruders eingepflanzt. Ende der 50er Jahre erfolgte die erste Knocnenmarkstransplantation, 1963 die erste Lebertransplantation und 1967 die erste Herztransplantation. Seither haben sich Organverpflanzungen zu einer anerkannten Methode entwickelt, bestimmte Patienten vor dem vorzeitigen Tod zu retten und ihnen ein annähernd normales Leben zu ermöglichen. Beeindruckender als der zahlenmäßige Anstieg ist dabei die Verbesserung der Überlebensraten, die – je nach Organ – teilweise auf über 90 Prozent gesteigert wurden.

Weltweit hat die Chirurgenelite mittlerweile 1300 derartige Herzoperationen vollführt. Bei 284 Herztransplantationen im Jahr 1983 in den Vereinigten Staaten betrug die „Einjahresüberlebensrate“ bereits mehr als 80 Prozent. Noch kurz zuvor lagen die Vertreter zweier Schulen im Streit: Die einen hielten den Nachbau der komplizierten Blutpumpe aus Metall und Kunststoff für zu teuer und gaben deshalb der Weiterentwicklung der Transplantationstechnik den Vorzug; die anderen setzten auf das „Kunstherz“.

Nach anfänglichen Rückschlägen der sensationsträchtigen Herztransplantationen schien sich die Waage in Richtung der medizinischen Ingenieurkunst zu neigen. Doch als wesentlich effektivere Immunsuppresiva eingesetzt werden konnten, gewannen die Organverpflanzer an Terrain.

Bislang hat noch niemand, auch nicht der amerikanische Pionier Robert Jarvik, ein Kunstherz entwickelt, das für den Dauereinsatz geeignet wäre oder auch nur Hoffnung auf einen solchen machen könnte. Zudem reichte sämtliche Miniaturisierung und Elektronisierung nicht aus, sämtliche Funktionen einschließlich des Antriebs im Brustkorb unterzubringen.

Dennoch erleben Chirurgen, die Transplantationen fast schon in Routine vollbringen, daß eine Herzverpflanzung kaum noch eine Zeile in den Zeitungen wert zu sein scheint. Dagegen machte der 66jährige Berliner Chirurg Professor Emil Bücherl Furore: er hatte am Freitag vor zwei Wochen dem 39jährigen Innendekorateur Hans Holzwig das „erste Kunstherz Europas“ eingesetzt (kurz darauf meldeten sich Kollegen von Bücherl aus Österreich mit einem ähnlichen Coup zu Wort).