Von Horst Bieber

Felipe Gonzalez gab sich außergewöhnlich bescheiden: "Das Ergebnis ist ein Triumph des ganzen Volkes", verkündete er Mitte vergangener Woche, als das Ergebnis des Nato-Referendums feststand: Bei einer Wahlbeteiligung von knapp 60 Prozent hatten sich 52,5 Prozent der Abstimmenden für ein Verbleiben Spaniens im Nordatlantischen Bündnis ausgesprochen – ein Ergebnis, mit dem die regierenden Sozialisten selbst nicht rechneten, obwohl sie in den letzten Wochen der Referendum-Kampagne immer deutlicher ihr Schicksal mit dem Ausgang des Volksentscheids verknüpft hatten.

Seine Erleichterung ließ sich der spanische Ministerpräsident freilich vor den Fernsehkameras nicht anmerken. Vor vier Jahren war er noch der nette Junge aus Sevilla gewesen, bei allem Tatendurst so höflich-ordentlich, daß die Sozialistische Arbeiterpartei (PSOE) bis weit ins bürgerliche Lager hinein Sympathiestimmen errang und die absolute Mehrheit erreichte. Von der Aufbruchsstimmung ist jedoch wenig übriggeblieben. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten waren stärker als der gute Wille; Gonzalez wandelte sich vom Optimisten zum Pragmatiker, der Spanien eine harte Anpassungskur verordnete und nun, sechs Monate vor der Parlamentswahl, einen Vertrauensbeweis gut gebrauchen konnte.

Dank einer fast kuriosen Verkehrung der Fronten wurde zwar über ein außenpolitisches Thema abgestimmt, aber dies geschah nach rein innenpolitischen Erwägungen. Eine konfuse Opposition, die sich in ihren eigenen taktischen Fallstricken bis zur Unglaubwürdigkeit verhedderte, leistete unfreiwillige Schützenhilfe für eine Regierung, die sie über das Nato-Thema stürzen wollte.

Das Thema "Nato" gehört zu den Erblasten des Franco-Regimes. Das demokratische Spanien hat den Vereinigten Staaten nie verziehen, daß sie durch Finanzhilfen und den Abschluß eines Vertrages über amerikanische Basen in Spanien das Regime des Diktators in kritischer Zeit festigten. Die Abneigung gegen die Vormacht übertrug sich auf das Bündnis, dem schließlich auch Großbritannien angehört; Gibraltar ist ein schmerzhafter Stachel für den Nationalstolz der Spanier.

Es war jedoch klar, daß Madrid nach Francos Tod seine Selbstisolierung aufgeben und seinen Platz in Europa suchen mußte. Mitglied der EG zu werden war nicht nur ein demokratisches Gütesiegel – die Gemeinschaft hatte den Beitritt des franquistischen Spanien abgelehnt. Der Beitritt versprach darüber hinaus auch finanzielle und wirtschaftliche Hilfe für eine marode Wirtschaft. Zu guter Letzt durfte sich Madrid Fortschritte in der Gibraltar-Frage ausrechnen.

So groß die von übertriebenen Hoffnungen genährte Europa-Begeisterung war, so wenig Bereitschaft zeigten die Parteien, sich der Nato anzunähern. Der Sprung von der Neutralität direkt in die Ost-West-Auseinandersetzung schreckte, zumal die traditionellen Beziehungen zu Lateinamerika und der arabischen Welt Schaden zu nehmen drohten. Für eine Hinwendung zum Bündnis sprachen nur zwei Gründe: Die dann unvermeidliche Modernisierung der Streitkräfte mochte die Offiziere so beschäftigen, daß sie ihre Bereitschaft zur Intervention in die Innenpolitik vergaßen. Beitrittsverhandlungen boten überdies eine Gelegenheit, Gibraltar zurückzugewinnen und die amerikanische Präsenz auf den Basen abzubauen. Woran Madrid im Traum nicht dachte, war ein Junktim zwischen EG- und Nato-Beitritt, aber eben das wurde Anfang der achtziger Jahre von den Europäern nicht de jure, aber de facto hergestellt.