T m Spiegel vom 19. April 1982 konnte die ersiver Erkrankungen "bei Schwaben und Heimatvertriebenen auf die Spur gekommen. Das klingt nach Empirie, zumal in Verbindung mit der Ankündigung, die "Ergebnisse der Tübinger Basisarbeit" sollten über Jahre hinweg "durch Untersuchungen mit gleichem Ansatz in psychiatrischen Landeskrankenhäusern und auch im ambulanten Bereich, Schwerpunkte: erbliche Belastung und melancholisch geprägter Charakter", erhärtet werden. Nun sind wir zwar, als Menschen des wissenschaftlichen Zeitalters, vielleicht schon allzusehr gewohnt, an Großversuchen, die unsere eigene Existenz betreffen, gläubig teilzunehmen, nicht so bei der Erforschung unserer Geschichte, oder einer gemeinsamen Krankheit oder doch einer Disposition dazu. Hier gilt noch immer: der Selbstversuch des Dichters.

Zu sprechen ist von einem gar nicht depressiv veranlagten Schwaben und über seinen Roman Wilhelm König: "Näher zum Himmel - oder der Fall Karl Simpel, Schwäbischer Landroman", Bleicher Verlag (Holderäckerstraße 14, 7016 Gerungen), 1985; 384 S, 29 80 DM.

Wilhelm König, bekannt als streitbarer Dialektund Kleinformdichter, Gründer und Erster Vorsitzender der "Gesellschaft zur Förderung der Mundart in Württemberg e. V mit eigener "Mundart" Zeitschrift (schwädds) und nimmermüder Organisator von "Mundart" Wochen (Nürtingen, dann Reutlingen, seit 1976), "Mundart"Stammtischen (Geislingen, Schomdorf, Stuttgart), seit 1984 gar einer "Mundart" Akademie (bei Münsingen), gibt hier, seit langer Zeit und unbeschadet seines Rufes als "schwäbischer MundartKönig", indirekt Einblick in eine geradezu unheimliche, zeitweilig auch seine Bewunderer mit Sorge erfüllende Konsequenz seines bisherigen Schaffens.

Darum also ist es ihm die ganze Zeit gegangen: Den Alptraum der Barbarei zu bannen, in welchen das Dorf seiner Kindheit, die schwäbische Heimat und das deutsche Vaterland versunken waren? Des Grundes sich zu versichern, aus welchem dieser aufgestiegen und zur Schimäre eines ganzen Landes geworden war? Den Sumpf auszutrocknen, der solche Vernebelung aus sich hervorbringt und der doch jeden, der sich ihm nähert, in sich hinabzieht? Damit einmal, wenn genug dieser Arbeit oder Reinigung und Klärung geleistet ist, die Heimat ihre wirkliche Gestalt gewinnen kann? Wie empirisch König zu Werke geht, zeigt die hermetische Abschließung seines Schaffens während der zurückliegenden zehn Jahre in der eigens dafür eingerichteten Dialekt Werkstatt, So wenig es nämlich dem gebürtigen Schwaben und gelernten Schreiner, der über den Verlust seiner linken Hand an der Fräsmaschine und ein vorzeitig beendetes Literaturstudium am Institut "Johannes R. Becher" in Leipzig zum Schreiben kam, an der Wiege gesungen war, daß er seinen ersten Gedichtband in hochdeutscher Sprache herausbrachte ("lebenslang") - so wenig war vorauszusehen, daß sein Autor bald nur noch im Dialekt seiner engeren Heimat sich äußern würde. Das war nicht, wie sonst in der Dialektdichtung der siebziger Jahre, Ausdruck der Verweigerung oder des Rückzugs in das sprachliche Material nach Art der "konkreten Poesie". König wollte sich statt dessen der Empirie des gesprochenen, erst nachträglich aufgezeichneten Wortes voll aussetzen. Die Alltags- und Landessprache also nicht, zur Verjüngung, der Hochsprache beimischen, sondern, wie Martin Waiser in seiner "Bodensee Literaturpreis" Rede (1967) gefordert hat, die Hochsprache dem "Versuch" des Dialektes unterwerfen. Mit Worten des Gedichts "Soeldanz" (Seiltanz) aus Königs erster Dialekt Gedichtsammlung ("dees ond seil", 1975): herausfinden, ob die Wörter, alte und neue, heruntergeholt vom (hohen) Seil der hochsprachlichen Dichtung, von der Oberbühne der volkstümlichen Redensarten, von den (Fahnen )Masten der politischen Propaganda und befreit von den Leichentüchern (wissenschaftlicher Begrifflichkeit "noh äbbas send" (noch etwas wert sind), ob sie, auf den Boden geworfen, dort wieder anwachsen:

Die Arbeit des Dichters beschränkt sich darauf, eilends zu holen, was nicht freiwillig kommen will, den Boden zu bestellen und die Vögel abzuhalten, solange die Pflanzen noch klein sind: Und das will Wilhelm König:

Freilich: Die Grenze der sprachlichen Empirie ist hier erreicht - für nicht schwäbisch sprechende Leser sogar überschritten. Denn wer, außerhalb des schwäbischen Sprachgebiets, wo schon die Vertauschung von schwäbisch "laufen" (hochdeutsch "gehen"), schwäbisch "springen" ("laufen") und schwäbisch "hopfen" ("springen") auf Unverständnis stößt, versteht sich auf Nuancen wie "i sau", "i wedds", "i fuaßle" für schwäbisch "springen" (hochdeutsch "laufen")? Und wer, nicht wie Wilhelm König im Älbler (Ermstäler) Schwäbisch aufgewachsen, hört aus "dees duure" (gemeinschwäbisch "dees duene") heraus, daß hier jemand genau das und nichts anderes tut, als was er so sich in den Kopf gesetzt hat? Braucht man nicht, um den Naturlaut dieser Sprache im Kunstgewand ihrer dichterischen Verfremdung zu erspüren, die Sensibilität der Einfühlung in historische Aggregatzustände unserer Sprache? So, wie sie einem, höchst reflektiert, etwa aus dem Umgang mit mittelhochdeutscher Dichtung zuwächst? Oder im Umgang mit Hölderlins Dichtersprache, zumal der Vaterländischen Gesänge und späten Fragmente, die sich - eine Entdeckung des aus amerikanischem Exil zurückgekehrten Brecht bei Einstudierung seiner Churer "Antigone" - dem "schwäbischen Volksgestus" verdankt?

Wilhelm König scheint sich bei Abfassung seines überwiegend hochdeutsch geschriebenen "Schwäbischen Landromans" der Grenze bewußt gewesen zu sein, an die der Dialekt stößt. Kann er, wo ihm die Personen des Romans zur Verfü