Von Helmut Schödel

Ein Schiff wird kommen, soviel stand fest, Mynheers grauenhaftes Schiff. Seit Zeiten treibt auf ihm der bleiche Mann, der fliegende Holländer über die Meere der Welt. Nicht aus Aberglaube war ich mir sicher, daß der Holländer wiederkehrt. Ich hatte Franz Xaver Kroetz’ neues Stück "Der Nusser" gelesen. Als Regieanweisung zur ersten Szene des zweiten Aktes notierte Kroetz: "Sturm und Wasser und Wogen angedeutet: Filmteam. Der fliegende Holländer."

Ein Schiffsrumpf fährt ein, fast so hoch wie die Bühne des Münchner Residenztheaters, wo Kroetz sein Stück selber inszenierte. Auf der Reeling steht der Schauspieler Sepp Bierbichler und beißt Mäuseattrappen den Kopf ab und wirft die toten Tiere von Bord. Mynheer scheint nicht wohlauf. Ist was mit Senta passiert?

Vor dem Schiff geht in Schaftstiefeln ein Mann auf und ab. Wir befinden uns in dieser Szene in einem Filmstudio, und der Mann, ein gewisser Herr Bock (lustlos gespielt von Kurt Raab), ist der Regisseur. Er erklärt uns die Szene: "Das Schiff schwankt, und im Hintergrund treiben es die Geister, bis der Holländer wahnsinnig wird, weil er weiß: Ich bin nicht ich. Dann sieht er den Zwerg mit dem Riesenschwanz und die fette Jungfrau mit der kleinen Fotze und sagt sich: Das ist mein Leben. Ist das mein Leben? Und das Schiff schwankt, und er kommt näher, und er meint, er wird wahnsinnig." Ja, wenn das so ist! Der Holländer "beißt sich unbewußt die Seele ab, ritsch, ratsch", sagt Bock. Blieben noch die Nackten auf der Bühne zu erklären. Sie stehen am Kai. Vor Bock und auf dessen Geheiß haben sie sich ausgezogen, ihre Kleider auf einen Haufen gelegt: eine Szene wie aus einem KZ. Schon redet Bock von Hitler. Schon flutet Wagner-Musik das Theater. Gerade hatte uns das Arrangement von ferne an Fassbinders "Querelle" erinnert. Bald aber erinnern wir uns an gar nichts mehr. Es wird einem ganz bang im Parkettsessel. Ist Kroetz über dem "Holländer"-Mythos seekrank geworden?

Die Idee zu seinem neuen Stück kam Kroetz beim Lesen einer Tragödie von Ernst Toller: "Der deutsche Hinkemann". Toller, der als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg zog, wurde über dem großen Schlachten Pazifist, stand in den Wirren der Nachkriegsjahre auf der Seite der Revolutionäre. Das Stück erzählt davon. Eugen Hinkemann ist Kriegsheimkehrer und träumt von einer neuen Gesellschaft. Er hat im Krieg sein Geschlecht verloren und träumt von Liebe. Er will keiner Fliege mehr etwas zuleide tun und beißt in einer Schaubude lebenden Mäusen den Kopf ab. Hinkemann ist ein armer Hund, der Mühe hat, sein Geld zu verdienen. Während Toller sein Stück verfaßte, saß er in Festungshaft. Jeder Satz ist so geschrieben, daß man ihn auch durch dicke Mauern hören kann. Mit expressionistischem Pathos wird geklagt, geträumt, gebrüllt. Die Zeiten waren danach.

"Ich danke Ernst Toller, den ich verehre", schreibt Kroetz unter seine Umdichtung des "Hinkemann". Zum Dank hievt er Tollers Kriegsheimkehrer und Schaubudendarsteller ins große Reich der Mythen. Aus Mensch Eugen wird der fliegende Hinkemann, ein Kriegskrüppel, den es unerlöst durch die Welt treibt, Künder neuen Unglücks, ständig auf der Suche nach der Frau, die ihm treu ist.

Ein kleiner Mann, ein Zwerg, tritt an die Rampe und ruft: "Krüppel seid ihr doch alle." Er fordert uns auf, "revolutionären Willens" zu sein. Dies hieße, sagt der Zwerg, uns als Krüppel zu erkennen. Dann könnten wir endlich "Bruder" sagen. "Damit spränge die Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit. " Man merkt schon, wir befinden uns mittlerweile im Allerheiligsten. Kroetz weiht uns in die Geheimnisse seines Glaubens ein. Wir schauen nicht mehr zu, wir ministrieren bereits. Der Bühnenhorizont ist von Götz Loepelmann schwarzweiß bemalt. Man sieht die Füße des Gekreuzigten, den Nagel, das Blut.