Italiens Industrie hängt noch sehr vom Öl ab und profitiert deshalb besonders vom Preisverfall

Italien geht es wie einem Wettläufer, der auf halber Strecke der Letzte ist. Als aber der Starter plötzlich ‚Kehrt Marsch!‘ befiehlt, ist er auf einmal ohne eigenes Verdienst an der Spitze." Was der italienische Direktor für Energieforschung, Alberto Cló, mit diesem Bild beschreibt, läßt sich auch in Zahlen fassen. Europas Industrieländer hängen im Durchschnitt in ihrer Energieversorgung noch zu vierzig Prozent vom Erdöl ab; Italien, das seit dem ersten Ölschock am wenigsten in alternative Energien investiert hat, steht bei sechzig Prozent. In der Differenz von zwanzig Punkten liegt beim derzeitigen Verfall der Ölpreise Italiens Vorteil.

Optimisten glauben, daß diese Entwicklung Italiens Volkswirtschaft mindestens drei Jahre lang ein energiepolitisches Schlaraffenland bescheren wird. Schon für dieses Jahr rechnen Regierung und Unternehmer damit, daß Italien zwanzig bis dreißig Milliarden Mark an den Energieeinfuhren spart, wenn der Preis für das Barrel Erdöl – das sind 159 Liter – im Jahresdurchschnitt bei zwanzig Dollar und die amerikanische Währung weiterhin schwach bleibt. Gleichzeitig hoffen die Exporteure, daß die Ölländer trotz ihrer Einnahmenverluste italienische Produkte kaufen. Nach Schätzungen könnte der Einnahmenausfall bedeuten, daß die Öllieferanten für sieben bis acht Milliarden Mark weniger in Italien bestellen als bisher.

Während in anderen Industrieländern mit den Rohölpreisen auch die Preise für Erdölprodukte sinken, und der unverhoffte Segen Industrie und Verbrauchern gleichermaßen zugute kommt, weiß niemand genau, was in Italien geschehen wird. Dort werden nämlich die Preise für Heizöl, Kraftstoff, Gas und Elektrizität vom Staat festgelegt. Und in der Regierung streitet man noch darüber, ob die Preissenkung weitergegeben oder für den Staat in Form von Steuererhöhungen eingesammelt werden soll.

Der liberale Industrieminister Renato Altissimo will alle Ermäßigungen der Ölpreise ohne Wenn und Aber der Wirtschaft zugute kommen lassen. Schatzminister Giovanni Goria und Finanzminister Bruno Visentini, denken zwar mit Sorge an das riesige Haushaltsdefizit von fast 200 Milliarden Mark, wollen aber im wesentlichen doch den Marktkräften freien Lauf lassen. Haushaltsminister Giovanni Nicolazzi dagegen will allen etwas Gutes tun: Ein Drittel für den Staat, ein Drittel für die Wirtschaft, ein Drittel für die Verbraucher, lautet seine Devise. Schon ist die Begehrlichkeit einiger anderer Ressortchefs geweckt. So erklärte der Gesundheitsminister: "Für diesen Bereich muß selbstverständlich auch etwas abfallen."

Defizit verringern

Regierungschef Bettino Craxi will derzeit noch keine endgültigen Entscheidungen treffen. Er dankte dem Notenbankpräsidenten Carlo Azeglio Ciampi erst einmal ohne weitere Stellungnahme für seinen Brandbrief, in dem die Notenbank dringend nahelegt, die gesamte Preisentwicklung durch Steuererhöhungen abzufangen. So könne Italien sein Haushaltsdefizit verringern und gleichzeitig die hohen Zinsen senken.