Von Rolf Zundel

Den meisten ist er noch im Gedächtnis als Präzeptor des Bundestages. Mehr als vierzehn Jahre hat er dort mit Würde und Strenge das Regiment geführt: der Präsident. Manche erinnern sich noch an den Politiker, der oft genannt wurde, wenn es um hohe Regierungsämter ging, auch bei der Nachfolge Ludwig Erhards. Wenigen ist noch im Bewußtsein, daß er, obwohl in den Prinzipien konservativ bis auf die Knochen, durch eigenwillige außenpolitische Vorstöße die Öffentlichkeit fasziniert und viele Parteifreunde in Harnisch gebracht hat. Begreifen aber kann ihn nur – und das war zu seiner Zeit als Politiker kaum gefragt, auch nicht von Adenauer –, wer seine Verbindung zum 20. Juli kennt.

"Peter Yorck gehörte zu den wenigen, mit denen ich, eng verbunden, zu der Höhe meines Lebens stieg. Blicke ich zurück, so erscheint er mir als die Verkörperung dessen, was ich als konservativ anerkannte." Diese Sätze aus der Biographie Eugen Gerstenmaiers – vielleicht die bedeutendste, jedenfalls die am schönsten geschriebene eines Bonner Parlamentariers – sind aufschlußreich, nicht nur wegen der Sprache, sondern auch wegen des Gegenstands.

Graf Yorck zählte zum Kreisauer Kreis um Helmuth von Moltke, dessen Mitglieder bis auf ganz wenige Ausnahmen – Gerstenmaier, zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt, war darunter – von den Nazis umgebracht wurden. Gerstenmaier, zu Beginn des Dritten Reichs zwischen schroffer Ablehnung und kleinen Arrangements schwankend, ist ziemlich schnell zu dem für einen konservativen Theologen harten Schluß gelangt: "Der Kerl muß weg." Mit der Bibel in der einen Tasche, dem Browning in der anderen war er am 20. Juli 1944 in der Bendlerstraße erschienen.

Graf Yorck hat ihn beeindruckt, weil in dem Edelmann Herkunft, Bildung und Neigung sich aufs glücklichste vereinten: einer jener "großen männlichen Charaktere", die Gerstenmaier zeitlebens bewundert hat. Ihm war solche Harmonie nicht gegeben. Da war der Kaufmannsstift aus einer bürgerlichen Kirchheimer Familie, der mit Mark und Pfennig zu rechnen gelernt hat und das auch nie vergißt: schwäbisches Hartholz. Der junge Mann, der bei der Lektüre Oswald Spenglers entdeckt, daß ihm die Bildung fehlt, der das Abitur nachholt, Philosophie und Theologie studiert: ein energischer Aufsteiger. Fast selbstverständliche Akademikerkarriere, bis sie von den Nazis gestoppt wird; er verwindet das nie. Bald geschätzter Gesprächspartner bedeutender Männer, umtriebig in vielen Missionen. Einer, der die Elite suchte und fand: am Ende zusammen mit den Söhnen des preußischen und schwäbischen Adels in den Todeszellen. Ein geborener Mann der politischen Klasse war er nicht, dazu fehlte ihm der nüchtern-kühle Umgang mit der Macht, dafür war er zu herrisch und zu empfindlich zugleich. Nicht zum Cäsar oder gar zum Fouché ausgebildet, wie Paul Sethe, fast bedauernd, einmal bemerkte, aber ganz gewiß eine der großen, prägenden Gestalten dieser Republik.

Er war der bedeutendste Präsident des Bundestags, auch wenn ihm manches an der Parteienherrschaft suspekt geblieben ist. Zu viele Abgeordnete, ausufernde Wahlkämpfe, eine gefräßige Fraktionsbürokratie: Das gefiel ihm nicht. Die Würde des Parlaments aber hat er behauptet und stilisiert wie kein anderer – bis hin zum Frack der Saaldiener. Seine Reden – nach ihm hat keiner mehr diesen klassischen Duktus gefunden – machten noch Hinterbänkler glauben, sie gehörten einer großen Institution an.

Gern ist er nicht Präsident geworden, Adenauer hat ihn wohl eher genötigt. Aber er hat sich – wie manchesmal, wenn er mit Adenauer aneinandergeriet – gefügt, wenn auch mit steifem Nacken. In den Grundlinien der Politik war er ja mit dem Alten einig: Er war einer der ersten, der für eine deutsche Wiederbewaffnung eintrat, er hat auch der Ostpolitik der "Herren Brandt-Bahr-Scheel" nichts abgewinnen können. Er rechnete es sich als Verdienst an, Franz Josef Strauß zur Klage in Karlsruhe wegen des Grundlagenvertrags ermuntert zu haben. Und er hat noch lange darüber nachgedacht, ob er nicht auf dem Versprechen Kiesingers, Außenminister der Großen Koalition zu werden, hätte beharren müssen.