Von Zsuzsanna Gahse

Es gibt Zeiten, in denen der Dichter-Geniusunbedingt ein Träumer mit rosaroter Seelesein muß, eine andere Mode will ihn dann als Bohémien oder Don Juan sehen oder als einen nervenkranken Alkoholiker; und heute verlangt unsere Ästhetik, daß der Poet in seinen Gedichten eifrig einen gesellschaftlichen Standpunkt vertritt – bei uns wird man das Dichter-Genie sich kaum anders vorstellen als einen vehementen Streiter, als einen Politiker, der seine Botschaft verkündet.“ Dieser Satz stammt aus der Dissertation von Sandor Weöres (sprich: Wörösch), einer Arbeit, die später unter dem Titel „Die Geburt des Gedichts“ veröffentlicht wurde. Er schrieb sie 1938. Weder damals noch später gehörte er zu dem letztgenannten Dichtertypus.

Bei uns hat der heute Dreiundsiebzigjährige wenig Spuren hinterlassen. „Der von Ungern“ hieß ein Gedichtband, 1969 bei Suhrkamp erschienen. Die beiden Übersetzer, Barbara Frischmuth und Robert Stauffer konzentrierten sich in diesem Auswahlband auf die experimentelle Arbeit von Weöres, auf seine konkreten Gedichte und die Nonsense-Poesie.

Dann könnte man Weöres noch über György Ligeti kennenlernen. Er hat einige Strophen aus den „Ungarischen Etüden“ in Musik gesetzt, aus einem Zyklus, der aus hundertvierzehn Gedichten besteht. Schon vom Lesen her klingen diese Etüden musikalisch, und Ligeti kommentierte sie einmal so: „Kleine Stücke, scheinbar anspruchslos, die im Schlendern, im Nebenbei, Ausdruck bekommen.“

Sándor Weöres ist am 22. Juni 1913 in der westungarischen Stadt Szombathely geboren. Sein Vater war Gutsbesitzer und Husarenoffizier; aufgezogen von einem deutschen Kindermädchen, redete und las er von früh an zweisprachig. Er studierte Jura, Geographie und Geschichte, später Philosophie und Ästhetik. 1936 wurde er mit dem damals höchsten ungarischen Literaturpreis ausgezeichnet, und heute ist er wohl unumstritten der bedeutendste Dichter seines Landes. Er ist selbst in Kinderstuben populär..

Mit dem Weöres-Verständnis steht es allerdings nicht so einfach. Zum Beispiel beginnt ein Artikel in einer ungarischen Literaturzeitschrift im Mai 1984 mit den Sätzen: „Bekanntlich ist für unsere Literaturforschung das Œuvre von Weöres eine geheimnisvolle Insel. Zu ihrer Entdeckung haben sich Expeditionen aufgemacht, jedoch haben die Karten, die von der Insel entstanden, keine Glaubwürdigkeit erlangen können.“ Der Autor des Aufsatzes äußert sich zunächst positiv über das Spielerische, über die Heiterkeit des Gesamtwerks, dann betont er, daß die Welten von Weöres und die eines Georg Lukács einander fremd seien, später vermißt er unter anderem die „gesellschaftlichen Erfahrungen“ in dieser Poetik. Über ein Gedicht, das der Fünfzehnjährige geschrieben hat („Die Alten“, es wurde von Kodá\ly vertont) bemerkt er: „Auf Zehenspitzen schleicht Weöres aus seinem Gedicht und läßt es allein.“

Warum er sich aus seinen Gedichten hinausstiehlt, und was dann zurückbleibt, darauf kommt es an. Schon in der erwähnten Dissertation findet sich eine Antwort. In der „Geburt des Gedichtes“ schreibt Weöres, daß man in verschiedenen Lebensphasen zu dichten beginnen könne, aber dieser Anfang bliebe entscheidend. Der soeben erwachende Jüngling (oder auch das Mädchen) begreift sich plötzlich als Einsiedler, und in seiner panischen Furcht vor der Einsamkeit rettet er sich ins Schreiben, um sich selbst zu finden. Aus demjenigen, der als Erwachsener beginnt, wird meist ein Prosaschriftsteller. Das kleine Kind hingegen, das in die Sprache vernarrt ist, ungestüm mit den Wörtern jongliert – ihm geht es um die selben Spielelemente, die man in archaischen Literaturformen findet, und ebenso wie die Urformen berücksichtigt das Kind kaum persönliche und charakterliche Unterschiede. Weöres hat, wie er selbst sagt, als Dreijähriger das Dichten begonnen. Das also wäre sein Ausgangspunkt. Die kindliche Frische hat er nicht nur beibehalten, sondern ausgedehnt und intensiviert; und in seinen Gedichten und Dramen trifft man überall Nicht-Personen und Ur-Personen an. Es sind Fabelwesen oder mythologische Figuren, Zauberer, Marionetten, Kasper und Hanswurste.