Von Ilma Rakusa

Kontakte? Mit wem denn? Mit den Mitmensehen? Dem Leser? Ich glaube nicht daran.Sie widerlegen einen Wort für Wort. Und können so leicht beweisen, daß alles ganz anders sei. Ich kenne sie! Die einzige Zuflucht ist der Text. Nicht zu dicht, aber auch nicht zu licht. Aber einen Weg zurück ... aus dem Text gibt es nicht. Wir sind im Wald... Wie herrlich ist das! Endlich bist du nicht mehr da, einfach gestorben. Geblieben ist der Wald. Und wir ziehen uns in den Wald zurück. In den Text. Deshalb ist es so wichtig, daß in dem Buch, das du schreibst, etwas Geheimnisvolles ist.“

So spricht der Icherzähler in Andrej Sinjawskijs neuem, halb autobiographischem, halb phantastischem Roman „Gute Nacht“, den Swetlana Geier vorzüglich ins Deutsche übertragen hat.

Doch wer ist dieser Icherzähler? Sinjawskij, sein „alter ego“ Abram Terz, ein „Dritter“?

Wir müssen auf ein Verwirrspiel gefaßt sein, das bewußt darauf abzielt, das geregelte Verhältnis zwischen „Dichtung und Wahrheit“ zu stören. Sinjawskij weiß, weshalb er auf dieser Differenz beharrt. Bereits Ende der fünfziger Jahre entschloß er sich zu einer Doppelexistenz und sandte unter dem Pseudonym Abram Terz phantastische Erzählungen in den Westen. Während Andrej Sinjawskij als Dozent der Universität Moskau und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Gorkij-Instituts für Weltliteratur grundlegende Studien über Pasternak, Achmatowa und verschiedene Dichter der Revolutionszeit verfaßte, machte der Ganove und Jude Abram Terz mit seinen Texten „Der Prozeß beginnt“, „Ljubimow“, „Pchenz“, „Was ist der sozialistische Realismus?“ in allen westlichen Metropolen Furore. Terz ist ein Außenseiter, ein Dissident in dem Sinne, als der Schriftsteller (so Sinjawskij in einem Interview) „immer ein Gesetzesbrecher ist“.

Terz’ Themen haben etwas Prickelndes, Verbotenes; er neigt zur Übertreibung, zur Satire. Und er kennt die künstlerischen Verfahren Gogols und der russischen Avantgarde. Als er 1965 entlarvt wird, geht es jedoch nicht mehr um literarische, sondern um rechtliche Verfahren: Sinjawskij kommt, zusammen mit Julij Daniel, vor Gericht; 1966 werden beide Schriftsteller unter dem Vorwand der „antisowjetischen Propaganda“ zu sieben Jahren verschärfter Lagerhaft verurteilt. Sinjawskij, der während des ganzen Prozesses seine Unschuld beteuert, erinnert in seinem Schlußwort an das Abc jeder Literaturbetrachtung: „Das Wort bedeutet nicht eine Handlung, es ist lediglich ein Wort. Ein gestaltetes Bild ist nicht real. Der Verfasser ist nicht identisch mit der Romanfigur.“

Die Machthaber waren für solche Lehren taub: Sinjawskij verbrachte fast sechs Jahre in einem mordwinischen Straflager. Zur Ironie des Schicksals gehört, daß er auch in der Emigration (er lebt seit 1973 in der Nähe von Paris) für literarische Äußerungen haftbar gemacht wurde; sein Puschkin-Buch etwa („Promenaden mit Puschkin“), das wie „Die Stimme im Chor“ und „Im Schatten Gogols“ im Lager entstand, wurde von zahlreichen russischen Emigranten als Diffamierung des Nationaldichters mißverstanden, der Verfasser mit Schimpf überhäuft. „Wir gehen nicht an der Kunst zugrunde“, betont Sinjawskij, „sondern an der Verbindung von Kunst und Wirklichkeit.“