Von Gunhild Freese und Klaus-Peter Schmid

Eigentlich hieß das Thema „Kirche und Wirtschaft“, zu dem sich Arbeitsminister Norbert Blüm im fernen Rom äußerte. Doch hinterher wollte Berthold Keller, Vorsitzender der Gewerkschaft Textil – Bekleidung, vom „lieben Norbert“ wissen, ob er da nicht einer Irrlehre verfallen sei. Blüm hatte gesagt, er habe „kein Verständnis dafür, daß in einem Land wie der Bundesrepublik Deutschland ... Schutzwälle gegen Textilimporte errichtet würden“.

Auch Wirtschaftsminister Martin Bangemann erregte Kellers Zorn mit der Forderung: „Das nächste Welttextilabkommen muß deutlich liberaler ausfallen als das jetzige.“ Ihm warf der Gewerkschafter in einem Brief Anfang Februar vor, er vertrete eine „überzogene und äußerst gefährliche handelspolitische Position, deren Verwirklichung umfangreiche und nachhaltige Schäden zur Folge haben wird“.

Blüm wie Bangemann hatten Selbstverständliches gesagt. Bei den demnächst in Genf anstehenden Verhandlungen über eine dritte Verlängerung des 1973 abgeschlossenen Welttextilabkommens (WTA) soll nach Meinung der Bundesregierung ein reichlich protektionistischer Pakt vorsichtig liberalisiert werden. Eine Vorstellung, die – so Gewerkschafter Keller – „in Hinsicht auf eine weitere Marktöffnung in mehreren Bereichen entschieden zu weit“ geht.

Das Ende Juli auslaufende Abkommen regelt den Export von Textilien und Bekleidung aus Ländern der Dritten Welt und des Ostblocks in die Industrienationen. Über detaillierte Quoten und zahllose bilaterale Zusatzvereinbarungen bremsen die Unterzeichner mehr oder weniger freiwillig den internationalen Textilhandel. Die Zurückhaltung der Niedrigpreisländer hat – so Staatssekretär Dieter von Würzen – den „strukturellen Anpassungsprozeß des Textilsektors in den Industrieländern handelspolitisch abgestützt“.

Dieser Anpassungsprozeß war schmerzlich – für Arbeitnehmer wie für Unternehmer. Seit 1965 hat sich die Zahl der Beschäftigten in Textil- und Bekleidungsindustrie mehr als halbiert. Noch drastischer schrumpfte die Zahl der Betriebe: von knapp 9700 im Jahre 1965 auf gut 3600 im vergangenen Jahr (siehe Tabelle). „Wir haben auf dem Weg zur internationalen Arbeitsteilung Opfer genug gebracht“, findet denn auch Hermann Schumacher, Mitglied im geschäftsführenden Hauptvorstand der Gewerkschaft Textil – Bekleidung. Eine Einschätzung, welche die Unternehmen der Branche teilen.

Ob die Schrumpfkur auch erfolgreich war, darüber gehen die Meinungen allerdings stark auseinander. Wirtschaftsminister Bangemann findet, daß der Strukturwandel bereits geschafft sei – und manches spricht dafür. Die Branche – Unternehmer wie Gewerkschafter – aber haben sich an den Schutz des Krisenabkommens gewöhnt und möchten ihn so schnell nicht missen. Gewerkschafter Schumacher sieht vorsichtshalber schwarz: „Langfristig geht der Trend weiter nach unten, und zwar um so steiler, je schlechter die Regelungen des Welttextilabkommens ausfallen.“