Die wilden sechziger, die milden achtziger Jahre! Was uns damals erregte, läßt uns heute kalt. Und vieles, was damals den Alltag beherrschte und zum unveränderlichen Lebens-Inventar zu gehören schien, existiert nicht mehr. Ziehen wir Bilanz! Riskieren wir unerschrocken einen Blick auf die Verluste am Ende dieser zwanzig Jahre! Zum Beispiel: der Mini-Rock. Nie wieder war er so kurz wie damals. Der VW-Käfer: Symbol einer Epoche, er läuft nicht mehr. Der Ödipuskomplex: ein alter Hut, den sich niemand mehr aufsetzt. Coca-Cola: das Monopol ist gebrochen. Aus den Kindern von Marx und Coca-Cola wurden die Kinder von Bhagwan und Pepsi. O tempora, o mores! Zu deutsch: owe war sint verswunden alliu mîniu jär!

Noch etwas ist verschwunden: die Diskussion. Sicherlich, hier und da wird noch diskutiert, manchmal kommt es noch vor, daß jemand eine Meinung wagt, ab und zu erhebt sich sogar Widerspruch. Aber die Lust an der Kontroverse ist dahin, der Glaube an die Kraft des Arguments geschwunden. Schnell sucht man das Einverständnis. Und wo es nicht gelingt, entsteht zähes, kränkendes Gezänk anstelle des mutigen Streits.

Wenn Leute sich heutzutage öffentlich treffen, im Fernsehen oder sonstwo, dann heißt das nicht mehr "Diskussion", sondern man nennt es fein und vornehm "Gespräch", "Colloquium" oder "Befragung". Streit muß ja nicht sein. Lieber sitzt man friedlich und schläfrig beisammen.

Friedlich und schläfrig war jenes "Colloquium", zu dem der Hoffmann und Campe Verlag dieser Tage in die Katholische Akademie Hamburg geladen hatte. Anlaß war der sechzigste Geburtstag von Siegfried Lenz, das Thema lautete "Elfenbeinturm und Barrikade". Das ist der Titel eines Buches von Lenz, einer Sammlung von Aufsätzen, die zum Teil um die Themen "Literatur und Politik", "Phantasie und Macht" kreisen.

Es ging also in diesem "Colloquium" exakt um jene heiße Diskussion der sechziger Jahre, als die Linken den Rechten, die Jungen den Etablierten, die Progressiven den Reaktionären verbal die Schädel einschlugen. Jetzt hingegen war man nett zueinander. Eine Geburtstagsfeier ist kein Gerichtstag, das wohl, aber Oskar Lafontaine zum Beispiel, der auf dem Podium saß, zusammen mit dem Künstler Alfred Hrdlicka, dem Schriftsteller und russischen Emigranten Efim Etkind und dem ungarischen Literaturwissenschaftler Dezsö Keresztury, Lafontaine hätte damals in den Sechzigern sicherlich eine steile These riskiert, wie etwa: Literatur ist geistige Onanie. Oder: Literatur ist subversiv.

In Hamburg hingegen, dieser Tage in der Katholischen Akademie, sagte Lafontaine: Sowohl als auch. Und schmunzelte. Da hatte er ohne Zweifel recht, und alle beeilten sich, ihm zuzustimmen. Etkind erzählt von Ossip Mandelstam, dessen reine und schöne Poesie dem Tyrannen Stalin genügt habe, ihn in der Verbannung sterben zu lassen, und elegant zog er das Resümee: Der Elfenbeinturm ist die Barrikade. Und als am Ende der Moderator Klaus Stephan den geehrten Siegfried Lenz fragte, ob er sich in dem Gespräch wiedererkannt habe, da antwortete Lenz: Manchmal seien Widerlegungen ergiebiger. Offenbar war sogar ihm, dem Freundlichen, das alles zu freundlich.

Es herrscht die neue Übersichtlichkeit. Der Worte sind genug gewechselt. Alle Argumente sind allen längst bekannt, sie liegen seit mindestens zwanzig Jahren auf dem Tisch, und keiner mehr hat Lust, sie aufzuheben. Die Intellektuellen, die Schriftsteller, die Diskutanten von damals, sie gleichen einem Klub ergrauter Pingpongspieler, die müde übers Netz löffeln, wo sie früher Schmetterbälle plazierten. Sanftmut und Lange-, weile sind in die Universitäten und Akademien eingezogen. Aus der Dialektik ist ein Eierkuchen geworden.

So wollen wir denn nicht weiter stören. Der Mini-Rock hat seine Versprechungen ohnedies nie gehalten, den Käfer haben wir längst als technische Katastrophe erkannt, mit dem Ödipuskomplex machen wir den Pepsi-Test, und so werden wir auch ohne die gute, alte Diskussion über die Runden kommen. Ulrich Greiner