Seit der Gründung des Norddeutschen Bundes 1867, dem Vorgänger des Deutschen Reiches, bis zum Rücktritt Helmut Schmidts hat es siebenundzwanzig Kanzler gegeben, Helmut Kohl ist der achtundzwanzigste. Gut alle vier Jahre ein Kanzler. Doch die Durchschnittsrechnung gibt ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit. Bismarck war dreiundzwanzig Jahre Reichskanzler, Adenauer vierzehn, Bülow, Bethmann-Hollweg und Helmut Schmidt je neun Jahre, aber Michaelis nur drei Monate und Schleicher noch nicht zwei. Alle Namen werden in größeren Darstellungen der deutschen Geschichte zum mindesten genannt. Aber wer weiß heute etwas über Caprivi und Bauer, Fehrenbach und Cuno.

Lohnt es sich nicht, die Kanzler alle in biographischer Gegenüberstellung zu sehen? Woher kommen sie, warum wurden gerade sie bestellt und weshalb schieden sie aus? Welches sind die Kriterien? Elementar wohl: Leistung und Richtung. Wie ist die Art ihres Regierens? Es gibt Typen, denen hierzu die Fähigkeit fehlt. Übersieht man die siebenundzwanziger Reihe, so sind die, die über das Mittelmaß, gemessen an den hohen Ansprüchen dieses Amtes, nicht hinausragten, in der Mehrzahl. Um es mit einem Wort anzudeuten: Ihnen fehlt es an historischer Größe.

An Bismarck darf man sie allerdings nicht messen. Nicht viel anders ergeht es den Amerikanern mit ihren Präsidenten. Es gibt auch ein Mittelmaß, was zur Zeit des Amtierens nützlich war. Die Grenzen zwischen Mittelmaß und Größe sind fließend. Häufig decken sich dabei zeitgenössische und historische Beurteilung nicht. Auf jeden Fall ist Mittelmaß nicht Mittelmäßigkeit.

Arnulf Baring nennt mit Recht die Kanzler „tragende Pfeiler unserer Regierungssysteme“, wenn auch in unterschiedlichen Positionen. Im Kaiserreich waren die Kanzler allein verantwortlich. Ihnen unterstanden rechtlich die Ressortchefs als Staatssekretäre, aber der letztlich Entscheidende war der Kaiser. Wilhelm II. hat die Kanzler als „Handlanger“ der Monarchen bezeichnet, auch Bismarck. Er suchte sich gefügige Kanzler aus und behandelte sie entsprechend. Das drückte die Kanzlerqualität. In der Weimarer Republik war die Reichsregierung ein Kollegium. Der Kanzler konnte überstimmt werden, aber durch die Verfassung erhielt er ein Führungsinstrument, die Richtlinienkompetenz. Der Reichspräsident hatte auch das Recht von Ernennung und Entlassung, mußte aber diese vollziehen, wenn es die einfache Mehrheit des Reichstages durch ein Mißtrauensvotum verlangte. Allerdings konnte er das Parlament in diesem Fall auflösen.

Friedrich Ebert, überhaupt nicht mit Wilhelm II. zu vergleichen, scheute in der Regel noch zur Wahrung seiner Führungsposition starke Männer im Kanzleramt. Eine Ausnahme war Gustav Stresemann. In der Not der Ruhrbesetzung durch Frankreich und des Währungsverfalls, als „die Republik mit ihrem politischen Latein am Ende war“, wurde ein starker Kanzler gebraucht. Hindenburg hat bis 1930, bis zur Ernennung Heinrich Brünings, sich bei der Kanzlerbestellung nach der jeweiligen Koalition gerichtet,

Im Grundgesetz bleibt die Richtlinienkompetenz bestehen, nunmehr wählt die absolute Mehrheit des Parlaments den Regierungschef, aber die Möglichkeiten der Abberufung sind durch das konstruktive Mißtrauensvotum eingeschränkt. Nur die Neuwahl eines Kanzlers zwingt den Bundespräsidenten, den bisher amtierenden Kanzler zu entlassen. In der politischen Praxis sind seit 1953 die meisten Kanzlerwahlen Kanzlerplebiszite gewesen. Was die Kanzlerqualität angeht, kommt die Bundesrepublik relativ gut weg im Vergleich mit dem Kaiserreich und, wenn auch im geringeren Grad, mit der Weimarer Republik.

Wilhelm von Sternburg (Hrsg.): Die deutschen Kanzler von Bismarck bis Schmidt; Athenäum Verlag, Königstein 1985; 472 S., 39,80 DM