Von Sven Papcke

An diesem Augustmorgen des Jahres 1864 ist die Aula der Bonner Universität geschmückt für eine Feier zum Sieg über Dänemark. Neben anderen Würdenträgern hält der preußische Politiker und Historiker Heinrich von Sybel eine vielbeachtete Festrede „Ueber die Gesetze des historischen Wissens“. Die Geschichtswissenschaft frage „nicht nach Neigung und Wünschen“, so hört man im gut besuchten Saal, „sondern nach der Wahrheit“. Dokumentarische Zuverlässigkeit soll gewährleisten, daß sich nicht „alles in Nebelbilder auflöst“.

Hundert Jahre später mag man auch solcher „Faktentreue“ nicht mehr unbesehen Wirklichkeitsnähe bescheinigen. Der amerikanische Kulturchronist H. Stuart Hughes veröffentlicht 1964 ein Essay über das, „Was Historiker zu wissen meinen“. Stoffnähe und Vorurteile vertragen sich durchaus, lautet sein Fazit, bei einem herausragenden Historiker wie Ranke sei das ebenso nachzuweisen wie bei jedem anderen.

Geschichte bietet sich (mit Leo Strauss) dar wie ein „von einem Idioten erzähltes Märchen“; über sie zu berichten heißt also, „nachträglich logifizieren“ (Theodor Lessing) zu müssen. Geschichtsschreibung findet (nach Raymond Aron) mithin „nur auf dem Papier statt“, das bekanntlich geduldig ist. Immer der Zeitgenossenschaft verpflichtet, gerät die Schilderung allemal zur Deutung, teilt den Weltanschauungs-Streit ihrer Umwelt. Das noch so „rastlose Zusammenscharren alles einmal Dagewesenen“ (Nietzsche) allein hilft der Objektivität keinen Schritt weiter. Durch Stoffülle überzeugen!, solcher Detaillismus wird vielmehr zum Problem, wenn sich die Genauigkeitsfrage derart mit der Wahrheitsfrage verwechselt sieht. Leopold von Rankes Forderung „Bloß sagen, wie es eigentlich gewesen ist“, (1824) ebnete damals seinem Fach den Weg zu den Quellen. Die anspruchsvolle Selbstbescheidung verdeckt aber leicht den unvermeidlichen Auslegungszwang, dem alle Geschichtsschreibung unterliegt. So zählt der „Anspruch auf Wahrheit“ seither zum Syndrom der „Geschichtsklitterung“, indem er eine hohe Überzeugungskraft besitzt.

In einer Science-fiction-Welt mag es Eichmaße für historiographische Leistungen geben, so etwa die Langlebigkeit des Betrachters: Im Jahre 2116 seiner Herrschaft, so fabuliert Frank Herbert im vierten Band seines „Dune“-Epos, läßt der Fürst von Arrakis einige Historiker auf Scheiterhaufen verbrennen, die aus ihren eigenen Büchern bestehen. Die Zunftgenossen der Unglücklichen bleiben verschont, da nicht Irrtümer, sondern Lügen geahndet werden. Der erdachte Fürst be- und verurteilt aus eigener Kenntnis. Der Realwelt geht derlei Fixpunkt ab. Was gleichwohl auch literarisch unlösbar bleibt: selbst die romanhafte „Allwissenheit“ ist nicht frei von Interessen; das Vergehen der fiktiven Chronisten lag wohl darin, ihre Deutungen nicht mit der Sicht ihres Machthabers abgestimmt zu haben. Ihnen machte also ein Umstand den Beruf schwer, der als Risiko der Macht zu bezeichnen wäre.

Auch das vorliegende Buch widmet sich diesem Problemstoff, der die Überlieferung aller Zeiten beeinträchtigt:

Hermann Eich: Die mißhandelte Geschichte. Historische Schuld- und Freisprüche; Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv 10526), München 1986; 220 S., 9,80 DM.