Nichts ist zu sehen. Nichts erinnert in Port Canaveral, der einst so geschäftigen Nachschubbasis an der Südspitze des amerikanischen Weltraumbahnhofes, an die stolzen Tage ununterbrochener Startvorbereitungen. Der Hafen wirkt verschlafen. An der Mole lagern Reporter hinter einer Batterie von Videokameras. Die dicken Objektive sind in Handtücher gepackt. Sie zeigen auf einen verlassenen Anlegeplatz. In der Ferne ragen schemenhaft die toten Stahlgerüste der Abschußrampen in den Himmel.

Vom Meer her nähert sich ein Punkt und wird langsam größer. Ein Fernsehmann klettert auf das Dach seines Wohnmobils und kontrolliert mit einem Feldstecher den Horizont. „Nur ein Fischerboot“, meldet er.

Vor sechs Wochen herrschte hier noch Volksfeststimmung. Hunderte Touristen waren angereist, starrten aufgeregt nach Norden, um die Weltraumfähre Challenger auf ihrer Mission 51-L im blauen Himmel über Florida verschwinden zu sehen. 73,605 Sekunden nach dem Start zerbarst das Raumschiff in einer weißen Rauchwolke. Die Trümmer stürzten zurück in den Atlantischen Ozean.

Nun halten Fernsehteams und Photoreporter makabre Totenwache im Jetty Park. Sie warten auf ein Schiff der Bergungsflottille, das mit Leichenteilen der sieben Challenger-Astronauten an Bord zu seinem Stützpunkt nach Port Canaveral zurückkehren soll. Marinetaucher hatten vor zwei Wochen menschliche Überreste in dreißig Meter Tiefe in den Wrackteilen der Mannschaftskabine der Weltraumfähre ausmachen können. Gerüchte über Bergungsaktionen bei Nacht und Nebel kursierten sofort.

Doch die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa verhängte aus Pietätsgründen eine nahezu vollkommene Nachrichtensperre. Reporter der Fernsehstation CBS begannen jedoch den Funkverkehr der Bergungsschiffe abzuhören: Photographen folgten den Tauchern in Motorbooten aufs Meer.

Am Mittwoch vergangener Woche machte sich die Ausdauer der Reporter bezahlt. Das Bergungsschiff Preserver hatte über Funk body bags, Tragesäcke für Leichen, angefordert. Um halb zehn Uhr abends glitt das Schiff dann langsam durch die Wasserstraße. Auf der Ladefläche türmten sich die geborgenen Trümmer des Raumschiffs. Die Mannschaft war an Deck angetreten; vier Matrosen trugen die blaue Paradeuniform. Hinter ihnen waren anscheinend die Überreste der Astronauten aufgebahrt, bedeckt vom amerikanischen Fahnentuch.

Die Preserver wurde am Kai von drei Ambulanzwagen erwartet. In aller Stille wurden die dunklen, unförmigen Plastikbündel verladen und in einen Hangar am riesigen Areal des John-F.-Kennedy-Space-Center transportiert.