Von Monika Klinger

Sehnsucht nach Altaussee“ heißt ein Gedicht des Österreichers Friedrich Torberg, das er im Exil in Kalifornien über ein Dorf im steirischen Salzkammergut geschrieben hat. Er sagte einmal, daß er auf die Frage, was er sich von Leben am meisten wünsche, immer nur eines geaitwortet hätte: „Ein Haus in Altaussee.“ Dieses Dorf war für ihn gleichbedeutend mit der verlornen Heimat. Aus dem Haus ist nichts geworden Aber nach seiner Rückkehr aus dem Exil nietete Torberg dort ein Stockwerk in einem hüglaufwärts gelegenen Haus und konnte sich nach Altaussee zurückziehen, so oft er wollte. Und je älter er wurde, desto öfter wollte er, wie er in eilem Essay einmal schrieb.

Ob es der Duft der Narzissen ist, der im Frühling in der Luft liegt, die weiten Wiesen mit den wie in malerischer Willkür hingetupften Häusern oder der spiegelblanke See – die Harmonie der Natur scheint hier einen Höhepunkt zu erreichen. Hier ist das Salzkammergut zu Ende: Der Loser, das Tote Gebirge und die steil abfallende Trisselwand bilden im Norden am Seeufer die Grenze, nach Süden ist das Tal weit und gibt den Blick frei zum fernen Dachstein. Selbst wenn man wollte, von Altaussee kommt man nicht weiter, hier muß man bleiben.

Dem Zauber von Altaussee sind viele erlegen. Der erste Fremde, der sich hier aus „Liebe zur Natur und dem Entzücken über diese wunderbare Landschaft“ niedergelassen hat, war der Dichter Joseph Christian von Zedlitz, ein Freund Joseph von Eichendorffs und Franz Grillparzers. 1847 kaufte er sich ein Grundstück am See und baute dort ein Haus, das bald zum „Treffpunkt seines großen und vornehmen Bekanntenkreises“ wurde. Als Besucher verzeichnet die Chronik Nikolaus Lenau und Franz Grillparzer, Adlige und Wissenschaftler der Wiener Gesellschaft und Adalbert Stifter, auf dessen Anregung hin Zedlitz Altaussee entdeckt hatte. Einer der Gäste erinnerte sich an einen Besuch als .... eine wahrhafte Idylle... frische Wiesen, ein malerischer See, tiefe Schatten. Am Abend fährt jung und alt auf den See und vergnügt sich mit deutschen Balladen und französischen Romanzen... Es ist ein Traum, oder besser gesagt, ein Märchen auf dem Boden der Wirklichkeit.“

Nach und nach kamen immer mehr Fremde nach Altaussee. 1864 kaufte sich die Familie des deutschen Reichskanzlers Hohenlohe ein Grundstück, und in seinem Gefolge erhielt „das Antlitz des damals noch kaum bekannten Ortes eine neue Prägung. Höchste Persönlichkeiten kamen durch die fürstliche Familie nach Altaussee, Herrschaftsvillen wurden gebaut.. .“, berichtet beeindruckt der Chronist Alois Mayrhuber. Und es war gut, daß sich für die damals in sehr bescheidenen Verhältnissen lebenden Ausseer eine neue Einnahmequelle auftat, denn der Salzbergbau am Sandling ernährte schon lange nicht mehr alle. Aus einer alten Chronik geht hervor, daß Anfang des 18. Jahrhunderts Frauen und Kinder von Arbeitern auf der Straße um Brot bettelten. Und die Hofkammer für das Münz- und Bergwesen berichtet 1798 an Kaiser Josef II., daß die „Halsstörrigkeit des früher gegenüber seinen Vorgesetzten mehr als irgendwo folgsamen Volkes“ erschreckend zunehme.

1896 erschien im Simplicissimus die Erzählung „Das Dorf im Gebirge“, in der Bauern in einem kleinen Ort in den Alpen des Sommers ihre gute Stube für die anreisenden Fremden räumen und selbst auf den Dachboden ziehen. Der zuständige Redakteur war Jakob Wassermann, der Autor Hugo von Hofmannsthal und das Dorf Altaussee, wo er schon seit ein paar Jahren den Sommer verbrachte. Mit Hofmannsthal kam „Jung-Wien“, ein Kreis junger Literaten und Schriftsteller, die der österreichischen Moderne um die Jahrhundertwende zugerechnet werden. Das sind unter anderem Arthur Schnitzler, Felix von Saiten, Raoul Auernheimer, Richard Beer-Hofmann, Hermann Bahr und Leopold von Andrian, dessen Vater bereits seit den siebziger Jahren ein Grundstück am See gehörte, weil sich seine Frau, eine Tochter des Komponisten Giacomo Meyerbeer, „grenzenlos“ in Altaussee verliebt hatte.

Die Andrian-Villa wurde bald zu einem der „Sommer-Salons“. Um der Hitze Wiens zu entfliehen, zog man sich in den Monaten Juni bis September an den kühlen See zurück. Einladungen waren bei den jungen, meist unter Geldnöten leidenden Schriftstellern sehr beliebt und die Annahme vom Gastgeber auch gern gesehen. „Wir wohnen alle in verschiedenen, kleinen Häusern an der Berglehne über dem dunklen See, essen und nachtmahlen bald bei dem einen, bald bei dem anderen, lesen zusammen englische Gedichte, mittags fahren wir zusammen mit dem Boot hinaus und baden, bis tief in die sternenhellen Nächte hinein gehen wir spazieren oder sitzen auf dem Geländer vor einem Bauerngarten und reden miteinander. Die Leute, denen wir begegenen, kennen uns und sind alle in einer gewissen Weise hier zuhause, einmal ist es der Reichskanzler Hohenlohe und einmal eine alte, ganz runzlige Bauernfrau mit einem Eimer Milch .. .“, schrieb Hofmannsthal aus Altaussee an einen Freund in Wien.