Von Eckard Kleßmann

Wenn man sich von Riez in der Provence, auf der D 952 kommend, Moustiers-Sainte-Marie nähert, dann sieht man schon von weitem den kleinen Ort vor einer kahlen grauen Felswand liegen.

Über Moustiers hängt ein goldener Stern. Das ist keineswegs symbolisch gemeint, sondern sehr wörtlich zu verstehen. Der Ort liegt am Eingang einer Schlucht, durch die ein kräftiger Bergbach, der Riole, rauscht. Und quer über diese Schlucht spannt sich eine mehr als 200 Meter lange Kette, an der ein goldener Stern befestigt ist. Er soll dort schon seit Jahrhunderten hängen (weiß der Himmel, wie man ihn in solcher Höhe angebracht hat); angeblich hat ihn ein Rittersmann in Erfüllung eines Gelübdes dort aufhängen lassen, weil er nach jahrelanger ägyptischer Gefangenschaft während der Kreuzzüge endlich die Heimat wiedersehen durfte.

Der eigentliche gute Stern von Moustiers ist aber nicht der metallene über der Schlucht, sondern die Fayence-Manufaktur des rund 600 Einwohner zählenden Dorfes. Wann man begonnen hat, diese schönen irdenen Gefäße mit Zinnglasur herzustellen, ist ungewiß; in der Literatur findet man unterschiedliche Angaben. Aber allen anders lautenden Überlieferungen zum Trotz ist es wahrscheinlich nicht vor der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gewesen, zumindest hat sich die Manufaktur von Moustiers erst dann entwickelt in der Provence und ihren bedeutenden Ruf gewonnen, als sich gegen 1679 Pierre Clérissy hier niederließ und François Viry sich 1682 als Fayence-Maler einen Namen zu machen begann.

Zunächst dominierten verschiedene Blautöne auf . cremefarbenem Grund; die Farbskala erweiterte sich, als 1738 Joseph Olerys von einach Moustiers zurückkehrte und die Polychromie mitbrachte, die Technik der Buntmalerei. Verkauft wurde die Ware auf den Märkten von Beaucaire, Castellane und Avignon. Dorthin war es damals ein hübsches Stück beschwerlichen Wegs, denn die bequemen Straßen, die der Tourist heute befährt, gab es noch längst nicht.

Porzellan und Steingut wurden im 19. Jahrhundert immer billiger und verdrängten die Fayencen. So verkümmerten auch die Manufakturen von Moustiers. Daß die letzte sich überhaupt noch bis 1873 halten konnte, ist schon erstaunlich genug. Noch wundersamer indessen mutet an, daß es 1925 gelang, einen für tot gehaltenen Handwerkszweig wiederzubeleben.

Von ihm lebt heute Moustiers und von den Touristen, die kommen, um in den Geschäften und direkt in den Manufakturen Fayencen zu kaufen. Die schöne Lage des Ortes und der Blick weit ins Land sind willkommene Zugaben. Ein neuer Stil ist für die Fayencen nicht entwickelt worden. Die alten Formen – man kann sie in großer Zahl in einem hübschen kleinen Heimatmuseum besichtigen – wurden wiederbelebt, dazu die besondere Art der Bemalung, überwiegend Grotesken in Blau, Orange oder in bunt gemischten Farben. Und wie vor Jahrhunderten kann man die neuen Produkte auch in Avignon, Beaucaire und Castellane kaufen.

Das breiteste Angebot findet man natürlich in Moustiers, aber man kauft dort keineswegs zu Billigpreisen. Wer sich mit Fayencen aus Moustiers – etwa einem kompletten Service – eindecken möchte, der sollte sich mit wohlgefülltem Portemonnaie auf den Weg machen. Fürs teure Geld gibt es freilich sehr schöne, bestens gearbeitete Stücke. Die Manufakturen wahren in jedem Fall ein gewisses Niveau: Nippes und Andenkenkitsch sind bis jetzt glücklicherweise nur spärlich anzutreffen.