Von Günter Haaf

Fred Whipple war zweifellos der glücklichste Mensch während der Nacht des Kometen. Als sich die europäische Raumsonde Giotto gegen ein Uhr früh am Freitag vergangener Woche in rasendem Flug ihrem Ziel, dem Kern des Kometen Halley, näherte, strahlte der korrekt gekleidete ältere Herr freundliche Gelassenheit aus.

Dabei umbrodelte ihn im Europäischen Raumfahrtkontrollzentrum – kurz Esoc genannt – in Darmstadt eine zusehends hektischere Schar von Wissenschaftlern und Journalisten aus aller Welt. Doch anders als die Giotto-Experimentatoren und -Techniker, die dem Höhepunkt ihrer jahrelangen Arbeit entgegenfieberten, anders auch als viele Fernsehzuschauer, die ihre jeweilige Kometenvorstellung irgendwie mit den bunten Bildern aus dem All in Einklang zu bringen versuchten, sah Fred Whipple völlig klar: dies war die Stunde seines größten Triumphs.

Vor 36 Jahren hatte der amerikanische Astronom postuliert, die Schweifsterne bestünden hauptsächlich aus gefrorenem Wasser und Staub, seien nichts anderes als "schmutzige Schneebälle". Nun, im Alter von 79 Jahren, konnte der Nestor der Kometenforscher mit dabei sein, wie in seinen theoretischen Rahmen "die Details eingebracht" wurde.

Nur eine Woche zuvor hatte Whipple in Moskau die Daten und Bilder der beiden sowjetischen Vega-Sonden hereinströmen sehen. Die Späher waren in einer Entfernung von 8900 Kilometern (Vega-1) sowie 8200 Kilometern (Vega-2) am Kern des Kometen Halley vorbeigeflogen und hatten dabei, wie zuvor vereinbart, als "Pfadfinder" für Giotto unter anderem exakte Daten von der Bahn des Schweifsterns und dessen Staubauswurf gemeldet. So konnten die Esoc-Bodenkontrolleure Giotto zwei Tage vor dem Vorbeiflug auf einen Kurs bringen, der sehr viel dichter an Halleys Kern vorbeiführen sollte (der Kern war für die Kameras der Vega-Sonden wegen der ihn umgebenden Staubwolke nur undeutlich sichtbar gewesen). Whipples Theorie vom "schmutzigen Schneeball" hatten allerdings bereits die Vega-Sonden bestätigt.

Dennoch war genug Spannung verblieben, als am Donnerstagabend vergangener Woche Giottos Kamera und die neun anderen Experimente an Bord aktiviert wurden. Offen war vor allem auch, ob die europäische Sonde ihren Flug durch den staubigen Kopf des Kometen (die "Koma") trotz eines doppelten Schutzschildes einigermaßen heil überstehen würde. Vega-1 hatte relativ wenig Staubteilchen gemeldet, Vega-2 dagegen bedenklich viele.

Zwar wußte auch Fred Whipple, wie zerstörerisch selbst kleine Staubkörnchen bei Giottos Geschwindigkeit von rund 250 000 Kilometer pro Stunde sein können. Dennoch setzte er zehn Dollar darauf, daß Giotto den Kamikazeflug überstehen würde. Auch Roger Bonnet, Direktor für die wissenschaftlichen Programme der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), entschied sich in Darmstadt für das Risiko und stimmte einem Kurs zu, der Giotto rund 540 Kilometer – plus/minus 50 Kilometer – dicht am Kern vorbeiführen sollte (einigen der Experimentatoren, darunter auch dem Kamerateam um Horst Uwe Keller vom Max-Planck-Institut für Aeronomie in Lindau/Harz, wäre eine größere Entfernung lieber gewesen).