Von Gabriele Venzky

Amritsar, im März

Knapp ein halbes Jahr nach den Wahlen im Punjab drohen im unruhigsten Staat Indiens, in dem die turbantragenden Sikhs in der Mehrheit sind, neue schwere Auseinandersetzungen. Im Goldenen Tempel haben zum zweitenmal die Extremisten die Macht übernommen; die Zeitungen verzeichnen pro Tag zwei Morde; die Kluft zwischen Hindus und Sikhs vergrößert sich zusehends, und die Regierung des gemäßigten Ministerpräsidenten Barnala kämpft ums Überleben. Aber nicht nur Barnalas Position steht und fällt mit Ruhe und Frieden im Punjab, sondern auch die des indischen Regierungschefs Rajiv Gandhi; die angeblich unwiderlegbaren Beweise für eine pakistanische Einmischung erleichtern Neu-Delhis Reaktion auch nicht. Der Punjab ist schon seiner Mutter Indira zum Verhängnis geworden.

Wiederholt sich nun die Geschichte? Die Begeisterung für Rajiv Gandhi hat nachgelassen, seit die Aufbruchstimmung verflogen ist. Die Bevölkerung entdeckt, daß sich nicht viel zum Besseren gewendet hat. Kritik wird laut, auch an der Führungsfähigkeit des jungen Premiers, und der Punjab droht zum großen Test für Rajivs Ansehen zu werden.

"Ja, die Geschichte wiederholt sich", stellte Indiens Magazin Sunday fest. Als Jarnail Singh Bhindranwale im Juli 1982 mit 50 schwerbewaffneten Anhängern in den Goldenen Tempel zu Amritsar einzog, habe kaum jemand von ihm Notiz genommen. Genausowenig habe es die Öffentlichkeit gekümmert, daß Anfang Januar rund hundert Bhindranwale-Anhänger in den Goldenen Tempel marschiert seien, um da eine Zweigstelle der "Damdami Taksal" zu eröffnen.

Der fanatische Prediger Bhindranwale hatte von dem zur Festung ausgebauten Tempel das Land mit Terror überzogen und die Botschaft von einem unabhängigen Staat der Sikhs verkündet. Seine Sturmtruppen waren die Studenten der All India Sikh Student’s Federation, und seine Massenbasis waren die unpolitischen Bauern des Punjab. Indira Gandhi ließ den Goldenen Tempel, in dem sich die Extremisten verschanzt hatten, im Juni 1984 stürmen und bezahlte die Entscheidung fünf Monate später mit dem Leben. Es folgten die Pogrome gegen die Sikhs, bei denen Tausende gnadenlos abgeschlachtet wurden. Viele Inder halten den Bruch zwischen Sikhs und Hindus für unheilbar.

Rajiv Gandhis erster großer Erfolg war der Pakt, den er mit dem Führer der gemäßigten Sikh-Partei, der "Akali Dal", schloß. Extremisten ermordeten diesen Führer kurz darauf; den überwältigenden Wahlsieg der Gemäßigten freilich konnten sie nicht verhindern. Er brachte den Vertrauten des ermordeten Longowal, den bekannten Rechtsanwalt Surjeet Singh Barnala, an die Macht, einen aufrichtigen Mann, dem die Militanten den Tod angedroht haben.