Von Tom R. Schulz

Bill Frisell ist ein moderner amerikanischer Romantiker. Seine Musik bezieht ihre Kraft aus der Spannung zwischen Introversion, Rückbesinnung und Harmonie auf der einen und Eruption, Wagnis und Dissonanz auf der anderen Seite. Wie seine europäischen Vorgänger ist auch Frisell auf der Suche nach der blauen Blume. Aber er begibt sich dazu, je älter er wird, auf immer unwegsameres, gefährlicheres Gelände. Seine kürzlich mit einem schwarzen Gitarristen aufgenommene Platte:

Bill Frisell – Vernon Reid: „Smash & Scatte-„1100“ (Minor Music 005),

ist die bislang extremste Expedition. In dem vierminütigen Solostück „Fr, Fr, Frisell“ behandelt der fast quälend skrupulöse Gitarrist, der sonst oft jeden Ton wie seinen letzten artikuliert, statt mit der gewohnten Dünnhäutigkeit sein Instrument fast brutal.

Vorbei ist das feinnervige Musizieren, dahin der schöne Klang. Nie zuvor war Bill Frisell derart weit von seinen langsam berühmt werdenden Schwelltönen und den fugenlos dicht ineinandergespielten Melodien entfernt. Mit einigen Effektgeräten und einem Gitarrensynthesizer hat der 1951 geborene Musiker sich einen Sound geschaffen, der ohne Vorbild ist. Er wringt und dehnt die Töne bis in benachbarte Mikrointervalle aus und erzeugt so Klänge wie Lichtreflexe. Mit seinen intensiven Sounds, die immer aus dem Nichts zu kommen scheinen, zielt er auf die Irritation, das Ungefähre.

Daß aber Frisell bei aller Hingabe an schneidende Dissonanz und ätherische Schwebetöne im Grunde seiner Seele doch ein all american boy geblieben ist, beweist seine zweite Soloplatte:

Bill Frisell: „Rambler“ (ECM 1287).