Von Hannelott Walter

Berge, so dachte ich, seien das Sportrevier für Skifahrer und Kletterer. Sie mit dem Pferd zu überqueren, das schien mir eine Schnapsidee, so verrückt, als wolle man mit der Gondel über einen Gebirgsbach fahren. Und doch: Es mangelt nicht an Reitern, die sogar die Alpen unter die Hufe nehmen wollen. Hanspeter Gantner, der Chef des Reitstalls von Neukirchen am Großvenediger (im Pinzgau) und erfahrener Distanzreiter, offeriert seit vielen Jahren viermal im Sommer je eine Woche lang einen Ritt durchs Gebirge. Ein jeder ist immer voll ausgebucht.

Ich bin gespannt auf meine Mitreiter. Da ist Ruth, die sowieso nichts als Pferde im Kopf hat. „Aber besser als Stroh“, fügt sie gleich augenzwinkernd hinzu. Beate will endlich einmal ausgiebig reiten, tagelang, und nicht nur für eine Stunde wie zu Hause in ihrer Reitschule. Für Claudia ist es eine Frage des Geldes, denn die Reiterreise durch die Kitzbüheler Alpen ist die ihrem Wohnort nächste und dadurch billigste. Hanna, die zu Hause ein eigenes Pferd hat, will einfach mal in einer anderen Gegend unterwegs sein. Michael, unser einziger Mann, verspricht sich „neue reiterliche Erfahrungen“. Eine Dame, unüberhörbar aus Wien, begleitet nolens volens ihre vierzehnjährige Julia, die abenteuerlustig blinzelt. Unser Alter liegt im Durchschnitt bei dreißig Jahren. Mit von der Partie ist auch Bärle, ein Hündchen.

Die Pferde auf der Koppel sehen so mager aus, als könnte sie ein Windstoß wegblasen. Auf unseren scheelen Blick hin sagt Hanspeter etwas schroff: „Distanzpferde müssen so aussehen, kein Gramm Fett zuviel.“ Das ist aber auch der einzige strenge Satz, den er innerhalb einer Woche sagt. Am ersten Abend gibt er uns ein paar wenige Instruktionen, er trägt sie so humoristisch vor, als ginge es um einen kleinen Aus- und nicht um einen siebentägigen Distanzritt, der uns laut Prospekt etwa 250 Kilometer weit, auf 2000 Meter Höhe, durch Schluchten und wilde Wasser führen sollte. („Umwege und Abweichungen vom Programm wegen veränderlicher Wegbeschaffenheit eingeschlossen.“)

Die Pferdeverteilung an unserem ersten Reittag ergibt sich wie von selbst aus unbewußten Sympathien für die Tiere. Die einen satteln die vertrauenerweckenden Haflinger. Die Wienerin begrüßt die Stute Sissy mit: „Küß die Hand.“ Ruth fängt sich Winnetou ein und erklärt ihm laut, daß sie seit zehn Jahren Marlboro rauche, aber immer noch nicht reiten könne.

Im Salzachtal, rechts die Hohen Tauern mit dem verschneiten Großvenediger im Hintergrund, links die Kitzbüheler Grasberge, über 2000 Meter hoch, reiten wir flußaufwärts in einem Galopp, daß die Steine springen. „Da brauch man du ja die kugelsichere Weste.“ Hanspeter will uns heute ein bißchen trainieren für das, was in den nächsten Tagen so auf uns zukommen wird. Schon beim Auf- und Abstieg zur Ruine Hieburg, die auf einem ungefähr vierzig Grad steilen Erdkegel steht, sieht man sich veranlaßt, alles, was man über Reiterei wußte, zu vergessen und sich ganz den Pferden anzuvertrauen. Die flotte Julia findet als erste wieder Worte: „Tierisch“, findet sie das und „brutal gut“.

Wir queren die Felsbrocken einer Mure, die jüngst bei Unwettern niedergegangen ist. Die Steinlawine hat in den Wald eine Schneise gerissen, als hätten Riesen gewütet. Mit äußerster Trittsicherheit finden die Pferde einen Weg. Als weiteren Beweis für das, was „ein Pferdl alles kann“, läßt uns Hanspeter den reißenden Obersulzbach durchqueren. So mutig wie wir stürzt sich auch das Bärle ins Wasser und treibt davon wie ein Blatt. Eine ganze Weile später kommt es uns auf Umwegen lustig bellend nachgesprungen. Hanspeter beruhigt uns. So schwierig wird es in den folgenden Tagen nicht mehr sein. Aber es ist besser für Reitet und Pferd, erst mal in der Nähe des Stalls zu üben. Man überläßt sich blind seiner Erfahrung. Am Ende dieses Tages fühlen wir uns als irgendwie reiterlich gereift.