Von Volker Ullrich

Die Welt der dreißiger Jahre – bewegte Bilder eines Jahrzehnts, das vielleicht wie kein zweites unser Jahrhundert geprägt hat. Besichtigen können wir sie jetzt in einem Buch, das als Begleitband zur sechsteiligen ZDF-Serie im Frühjahr 1986 angekündigt wird. Der Fernsehautor Dieter Franck setzt damit seine Dokumentationen über „Jahre unseres Lebens 1945 bis 1949“ und „Die fünfziger Jahre“ fort.

Gewiß, eine Geschichte nach Dezennien schreiben zu wollen, haftet immer etwas Willkürliches an. Denn natürlich ist jedes Jahrzehnt auf vielfältige Weise mit dem jeweils vorangegangenen und dem nachfolgenden verknüpft. Reinliche Zäsuren kennt Geschichte nicht. Dennoch trägt, wenn man einmal die vergangenen Jahrzehnte Revue passieren läßt, jedes eine eigene Signatur, ein unverwechselbares Gesicht.

Dies für die dreißiger Jahre sichtbar zu machen, ist die Absicht des Autors. Er beschränkt sich dabei nicht, wie es immer noch häufig geschieht, auf die europäischen Staaten und die USA, sondern bezieht auch andere Regionen der Erde in seine Betrachtung ein: China und Japan, Afrika und Indien, Nahost und Lateinamerika.

Es ist klar, daß ein solch beherzter Gang durch ein Jahrzehnt Weltgeschichte nicht ohne Verzicht auf Vollständigkeit abgehen, daß vieles nur angedeutet statt konturenscharf ausgemalt werden kann. Dennoch ist es nicht Ausdruck fachwissenschaftlicher Arroganz, wenn man feststellt, daß Franck sich und seinen Lesern bei seinen historischen Streifzügen etwas viel zumutet. Jedenfalls wird man während der ganzen Lektüre ein leichtes Schwindelgefühl nicht los angesichts des Zeitraffertempos, mit dem der Autor Länder und ganze Kontinente durcheilt.

Am Anfang des Jahrzehnts – Bilder des Elends. Die große Depression, beginnend mit dem „Schwarzen Dienstag“ an der New Yorker Börse am 29. Oktober 1929, reißt viele Länder mit in den ökonomischen Abgrund. Die Schlangen der Arbeitslosen vor den Vermittlungsstellen, Hungernde, die nach einer Suppe anstehen, Obdachlose, die in Blechfässern hausen – dieser Alltag in den Industriestaaten zu Beginn der dreißiger Jahre wird in eindrucksvollen Photosequenzen vorgeführt. Ein Bild, bei dem man länger verweilt: ein „Tanzmarathon“ im New Yorker Stadtteil Bronx – eine von vielen Veranstaltungen dieser Art, für viele junge Leute die letzte Hoffnung, an ein paar Dollar zu kommen. Auf der Tanzfläche völlig erschöpfte Teilnehmer; manche hängen eingeschlafen in den Armen ihres Partners.

Franck zeigt, daß die Not der Mutterländer sich in den Kolonien und den anderen von den Industriestaaten abhängigen Gebieten noch multiplizierte. Wiederum ein Bild, das im Gedächtnis bleibt: Vor der Küste des brasilianischen Kaffeehafens Santos schaufeln Arbeiter die Ladung eines Kaffeefrachters ins Meer, weil der Weltmarkt für Kaffee zusammengebrochen ist und der Preis nicht einmal die Frachtkosten deckt.