Das Werk beginnt wie ein Lehrstück falscher Prosodie. Die Stimme eines Mezzosoprans breitet sich auf dem tiefen D aus und schnellt mit gewaltigem Crescendo in einem Septimensprung kurz hoch. Gesungen wird dabei das englische Wort „tempest“ (Sturm). Aber der einen jambischen Rhythmus assoziierende Septimensprung kehrt das natürliche Verhältnis von Hebung und Senkung um, als fehle in dieser musikalischen Sturm-Formel nur noch der Schlußvokal des italienischen Wortes “tempesta“.

Wir haben es also mit einem Vorgang der Verfremdung zu tun. Ein Blick nachher in die Partitur variiert sie zum Befremden. Warum konnte man den im Anfangstakt notierten Tubaton D im Konzert nicht hören? Sollte es gar so sein, wie es uns zwei Takte später die Singstimme über den mikro-intervallisch verschwimmenden Anblasgeräuschen der Baßflöte verkündet: „waste time“? Findet man Gelegenheit, den Anfang des Werks noch einmal vom Band zu hören, entpuppt sich das notierte Intervall der Septime auf „tempest“ als eine gesungene Oktave. Hat man vielleicht seine Zeit vergeudet, als man dem nur vierzig Minuten dauernden Werk zuhörte.

Luigi Nono hat solch schnöden Gewinn-Verlust-Rechnungen von vornherein eine Absage erteilt. Der Presse wie dem zur öffentlichen Generalprobe in den großen Rheinsaal der Kölner Messehallen gekommenen Publikum teilte er das wie ein unsichtbarer Genius über dem Irdischen seiner jüngsten Komposition schwebende Motto mit. Als er im vorigen Sommer, mit dem im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks – geschriebenen Werk beschäftigt, in Spanien war, las er auf einer Klostermauer in Toledo einen Ausspruch des heiligen Franziskus, der auf deutsch etwa so heißt: Die ihr des Weges wandert, es gibt keinen Weg, es gibt nur ein Wandern.

In dieser franziskanischen Gesinnung sind Nonos „Risonanze erranti“ konzipiert: verpflichtet dem Gebot von Armut und Demut. Hatte Nono sich 1984 in der säkularisierten San-Lorenzo-Kirche seiner Geburtsstadt Venedig von Renzo Piano, einem der beiden Centre Pompidou-Architekten, ein hölzernes Klangschiff als Resonanzboden für seinen oratorisch-szenischen „Prometeo“ bauen lassen, so fehlt den „Risonanza erranti“ jeder Zug ins Hypertrophe. Wir stoßen also auf jenes Gesetz von Spannung und Entspannung, das auf Nonos zweite „Azione scenica“, die Oper „Al gran sole“ von 1974 (ihr war 1961 die Oper „Intolleranza“ vorangegangen), das eher lyrische Klavierstück mit Elektronik „Sofferte onde serene“ folgen ließ.

In den „Risonanza erranti“ („Irrende Widerklänge“ wäre eine von mehreren möglichen Übersetzungen) gibt es nur eine Singstimme (die Mezzosopranistin Susanne Otto) und ein paar Instrumentalisten. Roberto Fabbriciani spielt auf verschiedenen Abkömmlingen der Flötenfamilie, der Posaunist Giancarlo Schiaffini bläst die Tuba, vier Schlagzeuger wechseln von brutalistisch klingenden Bongos über idyllische Kuh- und Ziegenglocken aus Sardinien zu balsamischen Crotales (paarweise angeordneten Minibecken).

Umgeben sind die auf einem mittsaals oberhalb der Zuhörer plazierten Podest sitzenden Musiker von einer elektronischen Klangapparatur aus der Freiburger Heinrich-Strobel-Stiftung des Südwestfunks, der die Uraufführung zusammen mit dem WDR Köln veranstaltet hat. Diese Apparatur trägt den bezeichnenden Namen „Infernal“, aber der Studioleiter Hans Peter Haller legt Wert darauf, daß mit ihr keineswegs das Erzeugen eines Höllenlärms beabsichtigt sei.

Was diese Apparatur leistet, ist nichts anderes als die Verfügung des Komponisten (oder Klangtechnikers) über Raum und Zeit der live erzeugten Klänge. Diese können einerseits in ihrem Obertonspektrum so verfremdet werden, daß der Mezzosopran wie eine Flöte klingt. Andererseits können die natürlichen Töne in ihrem Nachhall manipuliert werden. Neben normal periodisch nachschwingenden Klängen gibt es auch aperiodische von großer Zeitdauer (maximal 200 Sekunden), die über die im Saal verteilten Lautsprecher den Eindruck einer zweiten Akustik neben der natürlichen ergeben. Mit beliebigen Instrumenten und einer vorgegebenen Raumakustik kann „Infernal“ spielen, bis sich beide den Wünschen der Männer am Regler beugen und eine zweite Natur entwickeln.