Es ist noch kein Jahr her, da schwärmten sowjetische Medien vom „Antifluß“, vom „Kanal des Jahrhunderts“, vom größten Raumentwicklungsplan aller Zeiten. Gemeint war „Sibaral“, jener auf 2550 Kilometer Länge projektierte Kanal, der Wasser aus den westsibirischen Flüssen Ob und Irtysch nach Mittelasien bringen und über die versandenden Flüsse Syrdarja und Amudarja den vom Austrocknen bedrohten Aralsee auffüllen sollte. Riesige Bewässerungsprojekte ließen die Vision eines blühenden Garten Eden in den Wüsten Turkestans entstehen, einer neuen Kornkammer mit „garantierten Ernten“, die nicht nur alle Versorgungs- und Beschäftigungsprobleme dieser überbevölkerten Region lösen, sondern auch zum Obst- und Gemüselieferanten für die Erschließungsgebiete Sibiriens werden sollte.

Noch am 5. Juni 1985 hatte Nikolaj F. Wassiljew, Moskaus Minister für Bodenverbesserung und Wasserwirtschaft, das Ende der Planung von „Sibaral“ für 1987 in Aussicht gestellt. Und noch im August meldete das Taschkenter KP-Blatt Prawda des Ostens, am Kilometerstein 1500 der vorgesehenen Trasse seien auf einer Strecke von 500 Metern die ersten Sprengarbeiten vorgenommen worden.

Ein ebenso nachhaltiger Eingriff in die Natur wie in Westsibirien und Mittelasien war im Norden des europäischen Rußlands geplant. Weil der Wasserspiegel des Kaspischen Meeres seit den dreißiger Jahren um drei Meter gesunken war und weiter zu sinken schien, weil auch die Wolga, die dem Kaspischen Meer rund 85 Prozent seines Wassers liefert, schon lange nicht mehr „wasserreich wie ein Meer“ ist (wie es in einem Volkslied heißt), sollte aus nordrussischen Seen und Flüssen Wasser über die Wolga ins Kaspische Meer gepumpt und damit auch „Mütterchen Wolga“ selbst, dessen ökologisches Gleichgewicht gestört ist, wieder aufgefrischt werden.

Vor vier Monaten verkündete Grigorij W. Woropajew, der Direktor des Instituts für Wasserprobleme und Vorsitzender einer Expertenkommission, die beide Projekte noch einmal geprüft hatte, daß mit Dammarbeiten an den Seen Latscha und Wosche begonnen worden war.

Doch in der vergangenen Woche war plötzlich alles anders. Da erklärte Leonid Win, stellvertretender Chef der staatlichen Planungsbehörde Gosplan, auf einer Pressekonferenz am Rande des 27. Parteitages überraschend, daß man „vorerst klarkomme, ohne die Flüsse im Norden anzuzapfen“. Die Frage werde erst im 13. Planjahrfünft ab 1991 wieder „reale Bedeutung“ bekommen.

Was ist geschehen? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Sicher ist nur, daß die Umleitungspläne immer sehr umstritten waren. Ein großer Teil der kontroversen Diskussion wurde auch in der Presse geführt, wobei die Befürworter einer großräumigen Umverteilung der Wasserressourcen in den letzten Jahren häufiger zu Wort kamen als deren Gegner, bis diese ganz verstummten. Die Umleitungsprojekte gehörten nicht nur zum Lebensmittelprogramm Leonid Breschnjews vom Mai 1982, sie waren „im Interesse der Volkswirtschaft“ auch vom Politibüro abgesegnet worden.

Doch unter dem neuen Parteichef Michail S. Gorbatschow kam alles ganz anders. Vermutlich hatten die Gegner der Projekte, die vor allem in Akademgorodok, der Denkzentrale der Sibirischen Abteilung der Akademie der Wissenschaften, zu suchen sind, doch die besseren Kontakte zum neuen starken Mann in Moskau. Das gilt vor allem für Adel G. Aganbegjan, den Direktor des Instituts für Wirtschaft und Organisation der Industrieproduktion und Chefredakteur der Zeitschrift Eka, die schon vor Jahren zum „ökologischen Pazifismus“ aufrief. Aganbegjan, inzwischen zu Gorbatschows wichtigstem Berater aufgestiegen, war schon 1979 überzeugt, daß der „Sibaral“-Kanal „überhaupt keine ökonomische Bedeutung“ hat.