Ist die Lesekultur noch zu retten? Angesichts des steigenden Medienkonsums, erschreckender Zahlen funktionalen Analphabetentums und wachsender Lustlosigkeit in der früheren „Leseratten“ – Phase zwischen acht und zwölf Jahren suchen immer mehr Bildungs- und Kulturpolitiker nach neuen Konzepten zur Leseerziehung.

Vordergründig scheint alles in Ordnung. Hohe Produktionszahlen spezieller Kinder- und Jugendliteratur, ein enges Netz von Kinderbibliotheken, immer mehr Fachbuchhandlungen für junge Leser und literarische Veranstaltungen zum Jugendbuch unterstützen die Schule bei der Vermittlung von Lesetechnik, Leselust und Literatur. Doch auf dem Höhepunkt der Institutionalisierung von Lesekultur für Kinder und Jugendliche breitet sich das „glanzvolle Elend“ der verfügbaren, aber zu wenig genutzten Kulturangebote aus. Ganz offensichtlich muß gerade in den großen Metropolen das kleine Einmaleins der Leseerziehung mühsam wiederentdeckt werden.

Eine Gesprächsrunde mit Lehrern, Bibliothekaren, Buchhändlern, Autoren, Vertretern von Elternschaft und Lehrerfortbildung, die Hamburgs Senator für Schule und Berufsbildung Grolle zusammenrief, spiegelt bundesweite Phänomene. Idealistische Minderheiten der Literatur produzierenden und vermittelnden Berufe bemühen sich in vielerlei Gruppierungen um außerschulische Leseerziehung. Sie machen Angebote an die Schulen.

Doch gerade heute kann man sowohl im eigenen Selbstverständnis als auch im Urteil von Vorgesetzten, Eltern und Schülern ohne geringste literatische Ambitionen ein sehr guter, hoch geschätzter Lehrer sein.

Senator Grolle und seine Gesprächspartner setzen weniger auf spektakuläre Einzelaktionen als vielmehr auf verstärkte einfallsreiche Zusammenarbeit aller Institutionen der Medienstadt Hamburg, die sich mit Literatur und mit Kindern beschäftigen. Dazu muß man sich kennenlernen – im Stadtteil, im Schulbezirk, auf Elternabenden und Fortbildungsveranstaltungen.

Profis der Kinderkultur wissen, daß die konventionellen Techniken der Leseförderung – Autorenlesungen, Ausstellungen, Vorlesenachmittage, Buchdiskussionen, literarische Preisrätsel und Großveranstaltungen – wie der herkömmliche Deutschunterricht bestenfalls Teilerfolge gewährleisten. Leseorientierte Vermittlung, ohne den künstlerischen Eigenwert von Literatur aufzugeben – so lautet die Herausforderung an alle, die Kindern und Jugendlichen auch in Zukunft Lesekultur ermöglichen wollen.

Auf die Frage, ob Leseerziehung vorwiegend in der Schule oder von anderen Institutionen betrieben werden soll, antwortete Grolle: „So wichtig und zentral die Aufgaben der Schule im Rahmen der Leseerziehung sind, so unverzichtbar ist die Einbeziehung möglichst vieler Einrichtungen, die diesen Prozeß fördern und stützen. Mir liegt deshalb an der Zusammenarbeit unserer Schulen mit Bibliotheken, Autoren und Buchhandlungen, um nur einige Mittlerinstanzen zu nennen. Richtig erfüllt hat die Schule ihren Auftrag, bei ihren Schülern die Fähigkeit und die Lust am Lesen zu entwickeln, erst dann, wenn das Leseinteresse weit aber den schulischen Rahmen hinausgeht.