Von Enrico Stähelin

Bis ganz zuoberst satt habe ich die Farben, welche die Mode des Frühlings und des Sommers bestimmen sollen. An unseren Kleiderständern hängen sie zu Tausenden; die Schaufenster sind voll davon: diese orangefarbenen, knallgelben „Sonnenfarben“, wie wir sie bezeichnen und den Käufern schmackhaft zu machen versuchen. Mir tun schon die Augen weh.

Besonders Orange stößt mir manchmal sauer auf wie eine überlagerte Orange. Wem, frage ich mich immer wieder, wem steht diese Farbe eigentlich? Niemandem. Den Blonden nicht, den Rothaarigen nicht, den Grauhaarigen nicht.

Bleiben die Dunkelhaarigen. Aber auch die müssen fürchterlich aufpassen, damit sie nicht fürchterlich aussehen. Braungebrannt sollten diese Menschen sein, um diese Jaffa-Farbe überhaupt tragen zu können.

Was schon wieder ein anderes Problem ist. Braun kann, darf nur sein, wer nicht auf seine Haut aufpaßt, wer sie schonungslos der Sonne aussetzt. Auf die Gefahr hin, daß die weibliche oder männliche sonnenfreundliche Person spätestens mit 45 Jahren aussieht wie ein Boskop-Apfel im Januar. Oder wie eine Mandarine im Juli.

Die Farbe Orange ist ansonsten unmöglich. Schauen Sie einmal eine Frau mit orange überpinselten Lidern an. Oder mit gleichfarbenen Lippen. Wenn sie nicht braun (sprich: lederhäutig) ist, sieht sie hoffnungslos übermüdet aus.

Die Unfarbe Orange, lange zu Recht in Vergessenheit geraten, war in den sechziger und den frühen siebziger Jahren up to date – nicht bei Kleidern, sondern bei WC-Vorlagen und WC-Schutzmäntelchen; vielleicht noch bei Vorhängen. Bei Kleidungsstücken („Lumpen“ nennen wir diese im Fachjargon) waren sie nie „in“.