Die Misere des Schriftstellerverbandes nimmt kein Ende – Vom Berliner Kongreß berichtet Dieter E. Zimmer

Die Zeit des euphorischen Rausches, der Verbrüderungen und „Schulterschlüsse“, die vor siebzehn Jahren den Verband deutscher Schriftsteller (VS) als bundesweite Organisation hervorbrachte und ihn fünf Jahre später in den Schoß, nein, in die schützenden muskulösen Proletenarme der Industriegewerkschaft Druck und Papier weitertrug, sie war einmal. Nur noch Erinnerung sind ihre fiebrigen Kongresse, ihre flammenden Reden, ihre verqualmten Säle, ihre wärmenden Fernsehscheinwerfer, ihre mitreißenden Parolen – „Einigkeit der Einzelgänger“, „Ende der Bescheidenheit“, „Heraus, Poet, aus deinem Dachkämmerlein“.

Heute herrscht Alltag, und der ist bekanntlich grau. Da aber ein Schriftstellerverein ganz ohne Aufregung nicht auskommt und auch der Öffentlichkeit nicht erwünscht ist, brodelt heute dort, wo einst Begeisterung hochwallte, als ihr kümmerlicher Ersatz eine giftige Gereiztheit.

Beim diesjährigen Kongreß, letztes Wochenende in einem über und über holzgetäfelten Sitzungssaal des Westberliner Rathauses, sah es eine Weile so aus, als sei das Ende nahe, der Nachruf fällig. Zweck des Treffens war es, die Arbeit des amtierenden Vorstands zu diskutieren, einen neuen zu wählen und mit einem Arbeitsprogramm zu versehen; geboten wurde eine öffentliche Ohrfeigenschau, die selbst eine gereifte Verbandspersönlichkeit wie Max von der Grün zu der Fußnote veranlaßte, bei den Jahresversammlungen seines Dortmunder Vorortsportvereins gehe es geistiger zu.

Jedes Wort ein Strick

Aus dem Injurienprotokoll: phantastische Heuchelei, wüst, am Rand des Schamlosen, infam, Taschen-Fouche, Niedertracht, abgeschmackte Sauerei, Verachtung, Ekel, Gemeinheit, Organisationsstalinismus, moralisch verkommen, schlechter Witz, Dreck, ausspucken... Längst war jene aus häuslichen Zimmerschlachten wohlbekannte Schwelle überschritten, hinter der man einander dann nur noch belauert, um sich aus jedem Wort einen Strick zu drehen.

Hauptanlaß zu dem Ohrfeigenabtausch war das Verhalten des bisherigen und schließlich wiedergewählten Vorsitzenden, des Münchner Sachbuchautors Hans Peter Bleuel. Bleuel war bei dem letzten großen Zank, 1984 in Saarbrücken, auf den Thron gehoben worden.