Von Klaus Viedebantt

Sie gelten als Paradies auf Erden, diese Südsee-Inseln. Du kannst sie geschenkt haben...“, schrieb D. H. Lawrence 1922 an eine Bekannte. Der englische Schriftsteller war ausgebrochen aus der Front der Dichter und Philosophen, die seit dem 18. Jahrhundert die tropische Inselwelt beiderseits der Datumslinie verzückt als romantische Gegenwelt zu den Mißhelligkeiten der eigenen Umwelt schilderten – und bis heute auch noch so schildern.

Es blieb bei wenigen Ausnahmen wie Lawrence – selbst in der Wissenschaft überdeckte, wie das Beispiel von Margaret Mead zeigte, lange Zeit eine verklärende Betrachtungsweise die realistische Analyse der Südsee. Unmittelbar nach Erscheinen der ersten britischen und französischen Expeditionsberichte bemächtigte sich die Kitschindustrie dieser neu entdeckten Landschaft; sie ließ nie wieder von ihr ab, von den Romanen des 19. Jahrhunderts bis in die Kino- und Schlagerproduktion unserer Zeit. Allein das hätte ernsthafte Autoren und Forscher nüchtern und mißtrauisch machen müssen, aber merkwürdigerweise versagten diese Kontrollmechanismen beim Thema Südsee überdurchschnittlich oft.

Die Zwiespältigkeit, mit der viele Schreiber die polynesischen Inseln skizzieren, wird schon aus den frühesten Berichten und ihrem liebsten Thema, den Frauen und der vermeintlich freien, paradiesischen Liebe, deutlich. Der erste europäische Besucher Tahitis, Samuel Wallis, berichtete (nach Hawkesworth): „Die Weiber sind insgesamt hübsch, ja einige derselben ungemein schön. Die Keuschheit scheinen sie eben für keine Tugend zu halten, denn sie ließen sich gewisser persönlicher Gunstbezeugungen wegen nicht nur ganz bereitwillig und öffentlich mit unseren Leuten in einen Handel ein, sondern der Vater selbst brachte seine Tochter und der Bruder seine Schwester zu diesem Ende an den Strand herab.“

Joseph Banks, der akademische Begleiter Cooks, macht zwar später einschränkende Anmerkungen zur scheinbaren Unkeuschheit der Südsee-Vahines, aber selbst in der nüchternen Darstellung des Briten Wallis war kein lauter Vorwurf zu hören über dieses nach europäischen Maßstäben unerhörte Sexualverhalten.

Es wird, so scheint es, hier angesichts der Schönheit dieser Frauen nicht nur als naturgegeben hingenommen, es wird sogar verklärt, wie schon Bougainvilles Bericht einige Monate später beweist: „Die Göttin der Liebe ist hier zugleich die Göttin der Gastfreundschaft; sie hat hier keine Geheimnisse, und jeder Sinnenrausch ist ein Fest für das ganze Volk.“ Wen wundert es da, wenn Bougainville sein Tahiti nach der Insel der Aphrodite taufte?

Vor allem aber die leichte Verfügbarkeit dieser schönen Frauen für jeden weißen Mann beflügelte die Phantasie der Zeitgenossen. Daß auch die Polynesierinnen für ihre Freizügigkeit erst Gegengeschenke, später geradezu Lohn verlangten, daß sogar eine Art „Nagelwährung“ für den Beischlaf entstand (Wallis mußte dies unterbinden, weil ansonsten mangels Nägeln sein Schiff zusammengefallen wäre) – diese Tatsache wird zwar nirgendwo verschwiegen, aber auch kaum einmal als das bewertet, was es nach europäischen Moralvorstellungen ist: käufliche Liebe.