Von Ilse Tubbesing

Vor wenigen Jahren noch galt das Inselhüpfen in Griechenland, romantisch-nostalgisch mit der Fähre von einem Eiland zum anderen, als optimale Urlaubsform für Hellas-Fans. Inzwischen ist die Gangart härter geworden. „Inselspringen“ heißt die neue Version. Der Charterjet macht’s möglich. Rhodos plus Kreta ist schon seit einiger Zeit im Ferienangebot. Jetzt wird Lesbos mit Patmos oder Samos verbunden oder Thassos mit Skiathos. Der neue Flughafen von Kavalla, der Thassos bedient, bildet mit Thessaloniki und Skiathos ein Triangel im Flugnetz.

Wer die Abgeschiedenheit sucht, der braucht darum aber nicht unbedingt das Eiland Thassos anzusteuern. Kavalla selber und das ostmazedonische Festland ringsum sind noch wenig bekannt, wenig besucht. Maisfelder, Tabakfelder und Baumwollplantagen säumen den Weg vom Flughafen Kavalla in die Stadt. Die fruchtbare mazedonische Ebene zwischen Gebirge und Meer war jahrtausendelang Heerstraße für Perser, Griechen und Römer, für die Kreuzfahrer zuletzt. Heute ist diese Strecke die Südtangente der „Gastarbeiterroute“ über Thessaloniki nach Istanbul. Tankstellen, Raststätten und Wegwerf-Quartiere liegen an ihrem Rand.

Auf die Felder vor Kavalla folgen Industriebetriebe. Eine Erdölraffinerie, Marmorsteinbrüche, Fabrikhallen, Textilwerke (auch deutsche, die Fertigung ist hier billiger) reihen sich aneinander. Dazu kommen der größte Hafen Mazedoniens und die Vororte einer Stadt, die hemmungslos chaotisch zu sein scheint: Ausgeweidete Autos verrotten hoch oben auf den Flachdächern der Häuser, Müll, wohin das Auge blickt. Dies, denkt der Tourist, der mit der Chartermaschine kam, um ein unberührtes Griechenland zu finden, hat er nicht gewollt.

Die Stadt Kavalla wird in den Reiseführern als eine der schönsten Griechenlands beschrieben. Das dürfte trotz ihrer zweieinhalbtausendjährigen Geschichte und ihrer Lage über dem Meer eine Übertreibung sein. Kavalla hat heute 70 000 Einwohner. Diese entdeckten mit Verspätung, daß auch sie ganz in der Nähe Sandstrände besitzen, dazu reichlich Altertümer, wie die Mitteleuropäer sie schätzen. Kavalla verschrieb sich also kurzentschlossen den Tourismus als Rezept gegen Arbeitslosigkeit und Ebbe im Stadtsäckel. Die positive Seite der Initiative: Nun wird für Millionen (in Mark gerechnet) eine Kanalisation gebaut – bisher war das Meer dafür gut.

Der deutsche Tourist in Kavalla braucht eine gewisse Anlaufzeit, seinen ausgeprägten Ordnungssinn muß er ablegen. Manchem fällt das schwer, zum Beispiel einer alten Dame aus Köln: „Könnte man nicht wenigstens die Müllsäcke von der schönen Madonnenstatue entfernen?“ – „Nein“, lächelt der reiseerfahrene griechische Fremdenführer, „dann wären wir ja so perfekt wie in Deutschland!“ Schließlich aber entdeckt der Urlauber doch die Freuden, die solches Laisserfaire in sich birgt.

Dazu gehört zum Beispiel ein Bummel über den Fischmarkt von Kavalla zum Beispiel, wo auch heute noch der Händler in aller Ruhe die Tintenfische zu Tode schlägt, wenn er sonst nichts zu tun hat, wo’s nach Salz riecht, nach Öl und nach Meer. Später kann man durch die Gassen der hochgelegenen Altstadt schlendern, über Kopfsteinpflastertreppen klettern, vorbei an alten, restaurierten Häusern aus der Türkenzeit. Hölzerne Gitter hängen an den Erkern, Oleander wuchert in Ölkanistern, ungezählte Katzen streunen umher. In Kavalla versiegt selbst der Türkenhaß der Griechen angesichts der Erinnerung an ihren Wohltäter Mehmet Ali. Sein Haus ist heute Museum, sein Standbild fiel keinem Bilderstürmer anheim. Und dann ist da noch die Taverne am Fischmarkt, simpel und billig. Ein Zeltdach schützt vor greller Sonne. Dort zu sitzen, fasziniert den fremden Besucher schon wegen der Menschen, die hier einkehren. Es sind vornehmlich Bauern aus den Bergen, die mit ihren selbstbewußten, schwarzgekleideten Frauen zum Einkauf in die Stadt kommen. Man bleibt lange sitzen beim Mittagsmahl. Landwein, weißes Brot und Fische in Olivenöl kommen auf den Tisch. Mit den Nachbarn wird geschwätzt, das neue Spielzeug für die Enkel herumgereicht.