Du meinst also, man braucht immer erst einen Schuß vor den Bug, bis man’s spannt?“ wird Alfred Fleisser von seinem Arbeitskollegen gefragt. Der Schuß vor den Bug steht dabei für den Herzinfarkt, den der Werkmeister Fleisser – eine der beiden Hauptfiguren des „wissenschaftlichen Tatsachenromans“ – an seinem Arbeitsplatz erlitten hat. Mit der Schilderung dieses Ereignisses beginnt

Jürgen-Peter Stössel: „Herz im Streß“, Knaur-Verlag, München, 1985; 288 Seiten, 9,80 DM.

Jürgen-Peter Stössel, studierter Tierarzt und Wissenschaftsjournalist, hat mit diesem Roman auf Wunsch des Wissenschaftszentrums Berlin versucht, die Ergebnisse des kürzlich dort abgeschlossenen Forschungsprojekts „Herz-Kreislaufkrankheiten und industrielle Arbeitsplätze“ in allgemeinverständlicher Form aufzubereiten. Das Projekt erbrachte arbeitspolitisch hochbrisante Ergebnisse, die möglichst viele Betroffene kennen sollten. Sämtliche Forschungsunterlagen standen Stössel als Rohstoffquelle zur Verfügung.

Der Herzinfarkt tritt scheinbar völlig unberechtigt in das Leben des erst 46 Jahre alten Alfred Fleisser, der keinen der üblichen Risikofaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel, Bluthochdruck, Übergewicht und erhöhten Blutfettspiegel aufweist. Auch sein EKG war kurz vor dem Infarkt noch ganz unauffällig.

Die zweite Hauptperson des Buches, der Wissenschaftsjournalist Jürgen Petersen, gerät zufällig auf diese Fährte und arbeitet sich – den Leser im Schlepptau – an die Herzinfarkt-Auslöser heran, die bei bestimmten industriellen Arbeitsplätzen von wachsender Bedeutung sind und bisher nur das „Privileg“ von Managern zu sein schienen.

Petersens alias Stössels Fazit: Das Zusammen? treffen einer bestimmten Persönlichkeitsstruktur mit Arbeitsbedingungen, wie sie durch viele Rationalisierungs- und Umstrukturierungsmaßnahmen in der Industrie jetzt hauptsächlich auf der Ebene der unteren Vorgesetzten bestehen (es werden aber auch typische Beispiele aus anderen Arbeitsbereichen aufgezeigt), begünstigt den Herzinfarkt mindestens ebenso wie körperliche Risikofaktoren. Diese können offenbar sogar gut vom Herzen toleriert werden, wenn der beleibte, bewegungsfaule Raucher mit sich und seiner Arbeit im Einvernehmen lebt – ein Part, der in Stössels Roman von Petersens Chef, einem Buchwald, verkörpert wird.

Als Stilmittel zur Charakterisierung der entscheidenden Persönlichkeitsmerkmale benutzt Stössel hauptsächlich Selbstgespräche und die Wiedergabe von Gedankengängen der Betroffenen (dabei erscheint auch der recherchierende Journalist wie ein zukünftiges Herzinfarkt-Opfer).

Spannung beim Lesen dieses Buches entsteht vor allem dadurch, daß man ständig in sich hineinhorcht, ob einem die beschriebenen Persönlichkeitsmerkmale nicht irgendwie vertraut sind – bei einem selbst oder in der näheren Umgebung.

Das Buch will vor allem die hauptsächlich betroffene Gruppe von Arbeitnehmern über die fatalen Wechselwirkungen zwischen Belastungen am Arbeitsplatz und ihrem individuellen Umgang mit dem auf sie ausgeübten Druck aufklären und dadurch vorbeugend wirken. Aber gerade Leser aus dieser Gruppe geben die Lektüre vielleicht auf halbem Wege auf – dort nämlich, wo sich die Handlung für einige Zeit im trockenen Gestrüpp von Kongreßdebatten verliert. Dennoch ist Stössels Versuch begrüßenswert, (über)lebenswichtige Informationen aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaften herauszutragen und für Menschen aufzubereiten, für die diese Forschungsarbeiten schließlich betrieben werden. Ingrid Schultz