Das Naserümpfen puristischer Pädagogen, die im Anthropomorphismus den Verrat am Realismus wittern, hat Kinder nie irritieren können. Von Carrolls Märzhasen bis zu Disneys Mickymaus haben sie das hübsche Verkleidungsspiel zwischen Menschen und Tieren immer geliebt. In England zählen Peter Rabbit, Cottontail, Nutkin und Mister Tod zu den unerschütterlichen Klassikern. Von Herrn Gebissig bis Benjamin Kaninchen und Emma Ententropf hat der Diogenes Verlag die reizenden Helden aus dem großen Potter-Epos vorgestellt. Jetzt machen wir die Bekanntschaft von Mrs. Tiggy Winkle: Frau Igelischen, die der neugierigen Luzi die eiderdottergelben Kniestrümpfe von Molli Kikrikoo und die gestärkten Pulswärmer von Weißpfötchen vorführt.

Beatrix Potter: „Die Geschichte von Frau Igelischen“, aus dem Englischen von Claudia Schmölders; Diogenes Verlag, Zürich; 58 S., 12,80 DM

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Zwei Kronen und fünfundsiebzig Öre hat Großvater vor langer, langer Zeit für den herrlichen Baum bezahlt, der jetzt über und über beladen ist mit süßen, saftigen Kirschen. Lisa und ihr kleiner Cousin kämpfen erbittert und hartnäckig um die köstliche Ernte, die eine hungrige schwarze Riesenkrähe mit ihnen teilen will. Eva Eriksson hat die Stationen des Kirschbaumdramas erzkomisch in Szene gesetzt: Die energische, überaus häßliche kleine Lisa stiftet den knickebeinigen Cousin zu allerlei tückischen Manövern gegen die Krähe an. Wie kindliche Grausamkeit jählings in Mitgefühl, Triumph in Trauer umschlägt, zeigt die schwedische Graphikerin in meisterhaften Skizzen. Endlich: Die dummen kleinen Gören begreifen, daß der verwegenen schwarzen Krähe dieser Baum genauso gehört wie ihnen.

Ulf Nilsson (Text) und Eva Eriksson (Ill.): „Die freche Krähe“; aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch; Oetinger Verlag, Hamburg; 32 S., 16,80 DM

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Hexenkult hat Konjunktur; auch in Kinderbüchern. Die klimperkleine Hexe Irma ist nicht größer als eine Zahnbürste, hat gelbe Vampirzähne, entsetzliche Quadratlatschen und hexentechnische Wortfindungsschwierigkeiten. Jedesmal, wenn sie einen Zauberspruch verpatzt, wachsen die unglückseligen Riesenflossen, deretwegen sie von anderen Hexenweiblein gehänselt wird, noch ein paar Zentimeter länger. Die pummelige, knubbelnasige Lore findet das kreischige Hexlein morgens im Bad hinterm Zahnputzglas vor und tröstet Irma über ihren Quadratlatschenkummer klug hinweg, indem sie die eigenen riesigen Segelohren vorzeigt. Die grotesk-humorvollen Illustrationen zu diesem pfiffigen Bilderbuch, das mit einer hübschen Pointe endet, haben Charme und unverbrauchten Witz.