Ein Buch wie ein Berg: Steilwände, Abgründe, Wolken; Schwindel und Glücksgefühl wechseln jäh. Da geschieht etwas Seltsames in unserer Kunstlandschaft, eine so atemberaubende wie atembeklemmende Gigantomanie. Während sich der Kulturbetrieb allenthalben verflottet und verbiestert, eine so maulfaule wie maulhurige Häppchenkultur per Bilderblatt PartyService geboten wird: überbieten sich die Künste in geradezu olympiawürdigen "Höchstleistungen". Syberbergs "Nächt" Film dauert sechs Stunden; Peter Brooks "Mahabharata" volle neun; Werner Tübkes Riesengemälde in Bad Frankenhausen, an dem er seit sechs Jahren mit zeitweise fünfzehn Gehilfen malt, wird schließlich eine Fläche von 1.800 Quadratmetern ausgemalt bieten. Die "Television City" des Mr. Trump in New York soll 509 Meter hoch werden; Suhrkamps neues Lieblingskind Marianne Fritz legt (für DM 450 -) einen Roman von über 3.000 Seiten vor, demnächst als 240 - Mark teure zwölfbändige Kassette auf dem Markt. Da tut sich eine merkwürdige und beunruhigende Kluft auf: dem generellen geistigen fast food System steht ein geradezu zwanghafter Trotz gegenüber, der gleichsam ruft: Sitzenbleiben! Hinhören! Muße beim Lesen und Sehen! Der SF5 Intendant Lothar Loewe läßt sich lächelnd "Mr. 1 30" nennen - weil eine Minute 30 Sekunden seine "Traumeinheit" ist; länger zusammenhängende Worteinheiten würde er am liebsten nicht über den Sender laufen lassen - aber ein so wichtiger Fernsehfilm wie "Shoah" währt neun Stunden.

Zerfällt unsere öffentliche Kultur mehr und mehr in Dalli Dalli Einschaltquotenschnuller und das hallizunatorische Preludin der Robert Wilson und Ariane Mnouchkine? Ist es elitärer Hochmut von Künstlern, denen die Rückenschmerzen von Friedrich Luft so egal sind ("ein kurzes Stück aha: also ein gutes Stück") wie der Wecker des normalen Zuschauers, der doch gewiß auf morgens 7 30 Uhr steht? Oder ist es legitimer Formwille, der - zu Recht - von all den Joggern und Squashern und Surfern wenigstens ebensoviel Zeit, Konzentration, Ausdauer verlangt, wie sie auf Wellen und in Wäldern investiert werden?

Eine heikle Frage, und der Triumph, ein dickleibiger Roman werde "die fluchenden Berufskritiker eine Lektüre Woche kosten", ist ebenso heikel: 52 Wochen hat das Jahr. Wie viele davon will und kann man in einer fremden Phantasie "hausen"?

Nun also die erste Prosaarbeit des hochbegabten und wunderlichen Dramatikers Stefan Schütz, dessen Stücke Hans Mayer in Beziehung setzte zu Brecht und Heiner Müller: ein Opus von 872 Seiten, das den renommierten Döblin Preis 1985 gewann und dessen Entstehen in seiner Preisrede F, C. Delius schilderte:

"Im Oktober 1980 kommt ein 36jähriger Autor mit seiner Familie aus der DDR und erhalt für ein paar Tage Asyl unter dem Dach dieser Akademie der Künste. Statt die üblichen Eintrittskarten in Form von Interviews oder Presseerklärungen vorzuzeigen, setzt er sich noch in der ersten Nacht an einen Küchentisch und arbeitet an den ersten Sätzen eines Romans. Er schreibt, bald in Wuppertal, drei Jahre lang weiter, wendet, nun in Hannover, ein weiteres Jahr für Überarbeitungen auf - schickt seine 763 Seiten für den Alfred Döblin Preis nach Berlin."

Um es vorweg zu sagen: Es ist eines der bemerkenswertesten Bücher der letzten Zeit. Ein Wunder an Phantasie, ein gigantischer Traum aus Worten, Bildern, Szenen. Ein Riesenrad der Sprache, die mühelos Goethe und Stalin zitiert, Elemente der Beschwörung wie der Propaganda, der Obszönität und des Minnesangs einschmilzt. Und es ist zugleich ein wieder scheiterndes Buch, aus Selbstverliebtheit ungenau, aus Spielversessenheit Banalität und Plattheit nicht scheuend.

Auf beeindruckende Weise ein unfertiges Buch abgeschlossen, aber nicht geschlossen - ein Torso; der sich liest wie ein heimlicher Gegenentwurf zur "Ästhetik des Widerstands" des Peter Weiss. Schon der Versuch, das Buch dem Leser "vorzustellen", muß wohl mißglücken:

Es zerfällt in drei Teile. Im ersten, "Kathedrale des Ichs", träumt sich eine Marie Flaam, bald begleitet von der dantesken Goirga Sappho, über jene mit dem preußischen Adler verzierte Brücke über die Spree in Richtung Osten, die wir unter dem Namen Berlin Friedrichstraße kennen "Sie wetzen ihre Schnäbel am Brückengitter, die silbrig wie zwei Sicheln blitzen, und fassen mit den Krallen nach, die schliffgeschärft das Eisen ritzen, aus den Augen stoßen Blicke gebündelt wie Laserstrahlen, ein Schlagbaum fällt quer über die Brükke, doch die Einschüchterung mißlingt."

Die Brücke ist schließlich mächtiger Anus, in dem die Passanten verschwinden, und der das Land von Bonzen und Philosophen, Jeansmüpfigen oder Karrieresüchtigen zum Gulliver- Kontinent der Arschlecker macht. Eine Feerie der Verwerfung jeglicher auch noch möglichen Idee von Sozialismus, wie ich sie so wild, rauschhaft, bildstürzend noch nicht gelesen habe. Das liest sich, als habe Merleau Ponty Oelze Bilder interpretiert; der Terror des, neuen Humanismus gerinnt zu Schreckpassägen:

"Einer Treppe folgen ihre Beine, hinab, an deren Ende sie zu einem Raum gelangen, der mit Bottichen gefüllt und wohligem Gestöhn. Leiber wälzen sich im Bade. Darüber mit großen Lettern WASCHT EUCH DEN ANTAGONISTISCHEN WIDERSPRUCH VOM BAUCH - MIT DEN FEINDEN UNVERSÖHNLICH BLEIBT DIE KLASSE. In Wannen, halben Fässern, Becken, randgefällt von schlammiger Masse, die wie ein Gemisch sich riechen läßt, von Pfefferminz geschwängerter Jauche und fetter Erde, stecken Gesichter, Köpfe und Giganten, blicken verklärt Löcher in den aufsteigenden Dampf. Frauen, Männer, nicht getrennt; zwischen gefärbtem Haar leuchten Glatzen, Scheitel wechselt mit düpierter Frisur, bemalte Lippen schäkern mit unrasierter Haut, selbst Kinder mit trainierten Gesichtern ist der Platz nicht verwehrt, Familienbad."