„Der schiefe Turm von Pisa“ – der Titel des Buches signalisiert ironischen Distanzversuch zum Reisen und auch zu den mitgebrachten, Reisebildern aus allen Erdteilen. Reisen – das bedeutete früher einmal Ankommen und Erleben am Reiseziel. Heute, so scheint es, längen viele die Reisezeit, um nicht ankommen zu müssen. In den Anfangszeiten der Photographie – Ansichten der Ferne gehörten zu den ersten Höhepunkten der Lichtbildnerei – waren die Photographien Schwarzweiß und die Wirklichkeit farbig. Jetzt ist es umgekehrt: Noch bunter können die Fernbilder nicht locken – die Wirklichkeit scheint dagegen grau. Nur die Wirklichkeit von Disneyland entspricht noch ihrem photographischen Abbild – logisch, daß jetzt auch in Frankreich die Schöne Neue Welt aufgebaut werden soll. Jetzt kriegen wir Europäer, was wir verdienen. –

Was hat das mit diesem Buch zu tun? Nun, ganz einfach dies, daß alle 51 Bilder so ziemlich das Gegenteil vom Reiseprospekt sind. Sie blieben übrig, nachdem

alle anderen Reisebilder aussortiert waren. Der Photograph meinte wohl, daß Realität nur noch im Spiegel des Irrealen zu erkennen sei – unter anderem. Er hat sich dabei für die Wirkung von Schwarztönen entschieden, was ihn zu fast perfekten Bildern gelangen läßt. Und das von einer Welt, die er für wankend hält. Siehe schiefer Turm. Aber zum Glück hat er noch einen Rest Humor, wenn auch auf vielen Bildern die Menschheit nicht gerade liebevoll dargestellt (wiedergegeben?) wird. Siehe Schiefer Turm: Da steht er nun, schön schief, wie gewußt, wie gesehen. Aber was sieht der Photograph noch? Daß auch die arme Zypresse im Vordergrund jetzt schief werden will. Also muß sie geradegestützt und gebunden werden. Was für eine schöne Idee: Die Natur wird gerichtet, während das Menschenwerk dekorativ kippt.

Es gibt, in vielen Bildern Gelpkes abzulesen, Berührungsängste zum real-existierenden Journalismus. Er sucht für seine Photographie einen Ausweg in Richtung Kunst. Wohin das führt, ist noch nicht klar. Aber dieses Reiseziel ist das Unterwegssein wert.

Norbert Denkel