Von Bernd Jentzsch

Das Gedicht Tomas Tranströmers ist ein legitimes Kind jener Elemente der Prosa einbeziehenden Form, deren sich vor mehr als einem Jahrhundert bereits Walt Whitman bediente. Auf einer Reise durch die Einsamkeit der nordamerikanischen Landschaft beeindruckten ihn die "Fülle an Material" und das "völlige Fehlen jeglicher Kunst" in der Natur, was ihn zu der Entdeckung führte: "Ich habe das Gesetz meiner eigenen Gedichte gefunden." Die Gesetzmäßigkeiten der Poesie, Tranströmers sind mit der Whitmans kompatibel.

Die Texte werden schulbuchhaft prosaisch geöffnet, mit erweiterten Hauptsätzen oder Satzgefügen, ebenso häufig durch Ellipsen. Langausschwingende Deskription und assoziative Kürzel: zwischen diesen beiden Polen bewegen sich Tranströmers Notierungen, und das Zeichenhafte, das die Charakterisierung gleichfalls meint, gehört zu ihren kryptischen Besonderheiten. In diesen Versen wird Realität derart abgebildet, daß man sie realiter nicht (oder nicht so) wiederfände, vertraute man sich der "Erbsenspur" ihrer Widerspiegelungsresultate an. Hier ist in gewissem Sinn ein Geheimschreiber am Werk, der Wirkliches gezeichnet hat.

Jetzt liegt in der genauen und schönen Übertragung Hanns Grössels, der schon den Band "Gedichte" (1981) übersetzte, eine dritte Auswahl aus dem lyrischen Kosmos des schwedischen Autors auf deutsch vor.

Woraus besteht dieser Kosmos? Zunächst einmal: Kosmos ist der Ordnungsbegriff für das (Welt-)Ganze. Nirgendwo läßt Tranströmer die Absicht erkennen, ihn additiv nachschöpfen zu wollen, wie das etwa Arno Holz in seiner konsequent-naturalistischen Weltcollage "Phantasus" versucht hat. Tranströmer macht nichts anderes, als sich auf das Whitmansche Staunen über die "Fülle an Material" zu besinnen.

Das ist der erste Schritt, und der zweite: Er kombiniert das Material kontrapunktisch mit sich selbst. Die Methode ist altbewährt und heißt Surrealismus. Seit den Reisetagen des großen Vermittlers Artur Lundkvist nach Frankreich und anderswohin hat diese Schreibweise auch in der schwedischen Dichtung Einzug gehalten, und ihr Einfluß, der mit Breton, Soupault und Desnos begann, hält noch immer an.

Tranströmer kann als quasi realistischer Surrealist gelten; er, der poeta doctus, bezieht in sein Schreiben selektiv ein, was die europäische Literaturgeschichte der letzten siebzig Jahre vorangetrieben hat, wohldosiert, aber kenntlich, und auch die schwedische Moderne übergeht er dabei nicht: Die Prosagedichte korrespondieren offen mit Gunnar Ekelöfs "Der alte Superkargo".