Von Carl-Christian Kaiser

Wie immer ist es im Auge des Sturms ganz still. Zwar gibt es im Kölner Justizgebäude am Reichenspergerplatz, Sitz des Oberlandesgerichts, den üblichen Parteienverkehr. Aber der Flügel, in dem Staatsanwälte, Oberstaatsanwälte und der Generalstaatsanwalt residieren, wirkt beinahe wie ausgestorben. Dabei würde sich schon das Gebäude, bedenkt man den Lärm aus der CDU/CSU, der die von Köln verfügten Ermittlungen gegen den Bundeskanzler geradezu als versuchten Staatsstreich erscheinen läßt, vorzüglich als Kulisse eignen: ein gewaltiger, wilhelminischer Steinhaufen, mit einer Eingangshalle wie eine Kathedrale, eine architektonische Drohgebärde – Gegenbastion zur Bonner Regierungsmacht? Müßte auf den Gängen und in den Zimmern jetzt nicht Gewimmel, Aufregung, hektische Aktivität herrschen?

Nichts davon. Dr. Bereslaw Schmitz, Generalstaatsanwalt für den Gerichtssprengel Köln, Bonn und Aachen, hat Zeit, zumindest nimmt er sie sich. Nur gelegentliche Telephongespräche, bei denen der Besucher gebeten wird, das Zimmer zu verlassen – nur solche Anrufe verraten, daß es ringsum doch Getümmel und eine politische Konfrontation gibt, die sich von Tag zu Tag verschärft. Die Union macht mobil. Sie spricht ungeniert von einem Komplott gegen ihren Kanzler, und sie malt Bereslaw Schmitz als Büttel der sozialdemokratischen Landesregierung ab, als juristische Speerspitze gegen Helmut Kohl. Am vergangenen Wochenende, zwischen zwei Bonner Sitzungswochen, haben die Unionspolitiker in den Wahlkreisen gemerkt, daß die Ermittlungen gegen den Kanzler bei den Leuten weitaus mehr ins Gewicht fallen als etwa der Streit um das Streikrecht, nicht zu reden von den Sicherheitsgesetzen und schon gar nicht von SDI. Ein Regierungschef im Blick der Staatsanwälte, das zählt – und das führt bei der Kampagne gegen den Generalstaatsanwalt zu immer schrilleren Tönen.

Bereslaw Schmitz hingegen hat sich durchaus in der Gewalt. Politisch heikle Verfahren sind dem Achtundfünfzigjährigen schon aus seiner Zeit als junger Staatsanwalt in Bonn vertraut – zum Beispiel die Leihwagen-Affäre, in der es um die kostenlose Überlassung von Automobilen, selbst zu privaten Zwecken, an hohe und höchste Bonner Beamte ging und bei der er sogar den damaligen Kanzler Konrad Adenauer einvernahm. Zu tun hatte er auch mit den dubiosen Vorgängen um die Beschaffung des Schützenpanzers HS 30 oder mit dem Bestechungsverfahren gegen den Obersten Löffelholz. Bei den juristischen Tatbeständen der Korruption und Bestechung kennt er sich bis in die letzten Feinheiten aus. Und daß Politiker, wenn sie sich beschuldigt sehen und bedroht fühlen, in ihrer Wortwahl alles andere als zurückhaltend sind, hat er zuletzt bei dem Flick-Verfahren gegen den Grafen Lambsdorff erleben können.

Zu dieser Berufserfahrung kommt das Naturell. Wenn Bereslaw Schmitz, der als Antwaltssohn nach dem Jurastudium in Bonn von der Pike auf eine ganz normale Staatsanwaltskarriere durchlaufen hat, im Ruf äußerster Korrektheit steht, dann gilt das bis in die kleinsten Äußerlichkeiten. Bei dem gebürtigen Kölner mit dem urrheinischen Nachnamen muß man von Pingeligkeit sprechen; der fremdländische Vorname stammt von einer kroatischen Mutter. Wohl wahr, daß der hochgewachsene Staatsanwalt, der mit Essensdisziplin und Tennis im renommierten Amerikanischen Club in Bonn-Bad Godesberg streng auf seine Linie achtet, in seinen frühen Jahren das war, was man einen flotten Hecht zu nennen pflegt, ein Wohlgefallen für die jungen Referendarinnen; er ist aber Junggeselle geblieben. Indes, schon die Sportwagen, die er damals gerne fuhr, hatten gedeckte Farben, und für den gehobenen Mittelklassewagen, den er jetzt steuert, gilt dies erst recht.

Dezent betonte Korrektheit also auch im Äußerlichen, von der graumelierten Haartolle über den grauen Anzug mit Weste, weißem Hemd und Ziertaschentuch bis zu den spiegelblanken schwarzen Schuhen. Und im holzgetäfelten Amtszimmer mit altdeutschem Mobiliar, vermutlich Eiche, eine peinlich genaue Ordnung; auf dem leeren Schreibtisch nur die obligaten Handbücher; sogar die Schachteln mit den Besucherzigaretten liegen auf Kante. Disziplin und Ordnung hieß schon das Credo im Elternhaus, wie es auch ganz außer Frage stand, in die juristischen Fußstapfen des Vaters zu treten.

Nimmt man all dies zusammen, die inneren Maximen und ihre äußeren Anzeichen, dann läßt sich ermessen, was es heißt, wenn Bereslaw Schmitz die Vorwürfe und Verdächtigungen aus den Reihen der Union als „Gipfel der Absurdität“ empfindet. Im Anfang behielt er es für sich, aber der Gedanke mußte ihm im Kopf herumgehen, daß diejenigen, die ihn schlichtweg als juristischen Helfershelfer sozialdemokratischer Parteipolitik denunzieren, im Grunde viel über ihre eigene Denkart offenbaren. Und er muß um so mehr irritiert sein, als er, parteilos, nach seinem ganzen Habitus einen entschieden konservativen Eindruck macht. Handlanger einer finsteren Sozi-Verschwörung – das erscheint unvorstellbar.