ARD, Mittwoch, 26. März, 20.15 Uhr: "Ein fliehendes Pferd", Fernsehfilm nach Martin Walsers Novelle von Peter Beauvais

Eigentlich ist das eine läppische Geschichte, die Martin Walser da in seiner Novelle "Ein fliehendes Pferd" (1978) erzählt und die Regisseur Peter Beauvais nun buchgetreu nachgebaut hat.

Zwei Jugendfreunde treffen sich wieder, nach Jahrzehnten, in einem Urlaubsort am Bodensee, beide Mitte Vierzig inzwischen, verheiratet: Der eine, Helmut Halm, ist Lehrer, der andere, Klaus Buch, Journalist. Es geht zu wie wohl meist bei solchen unverhofften Wiedersehen, mit Schulterklopfen und Weißt-du-noch und jener gewissen Peinlichkeit, die sich einstellt, wenn man merkt, daß auch der andere von der eigenen Wiedersehensfreude so ganz nicht überzeugt ist. Man geht zusammen essen, macht Ausflüge, eine Segelpartie über den See. Am Ende kommt es zu einem Unfall, einem Unglück fast, doch scheint dies nur ein böser Zufall.

Eigentlich eine läppische Geschichte also. Schaut man genauer hin: eine teuflische. Das wird dem Leser schneller klar als dem Zuschauer; denn während jener in den Reflexionsstrudeln von Walsers Protagonisten Helmut Halm schnell und unerbittlich zu dem dunklen Grund der Geschichte hinabgezogen wird, muß dieser, von außen sozusagen, erst Gesten und Blicke entschlüsseln.

Was hier stattfindet – und Beauvais versteht es vorzüglich, die Atmosphäre langsam zu trüben, die hellen Bilder leise zu schwärzen – hat mit einem harmlos zufälligen Wiedersehen nach langen Jahren nicht viel zu tun.

Die Beschreibung dieser Begegnung "der Halms" mit "den Buchs" ist die Beschreibung eines Kampfes. Unmerklich zunächst, dann immer drückender verschärft sich die Konkurrenz zwischen beiden Paaren, vor allem zwischen den beiden Männern. Steht am Anfang nur ein halb scherzhaftes Vergleichen – hier der introvertierte, mit Jogging gegen sein Übergewicht ankämpfende Beamte, dort der Hallo-hier-komm-ich, der sportive freischaffende Künstler, penetrant Eau de Spontan verströmend – erscheint Halm die Situation von Tag zu Tag qualvoller.

Wer ist glücklicher geworden – er oder ich? Wer hat mehr aus seinem Leben gemacht? Wer ist "weiter"? Wer entspricht mehr den Normen des Glücks? "Wir sind schon weiter als die", redet sich Halm am Abend zu seiner Frau sprechend, Mut zu. "Auch wenn das, was die tun, das Richtige ist. Laß uns beim Falschen bleiben. Das Falsche ist das Richtige." "Paradies" nennt man die Landschaft an den Ufern des Bodensees – eine wahrlich himmlische Kulisse für diese höllische Prüfung des Lehrers Halm durch seinen "Jugendfreund" Buch, für diesen, beinahe das Komische streifenden Zweikampf um das "richtige Leben", für diese verbissene Glückskonkurrenz.