Papiermühlen und Verbrennungsanlagen konkurrieren um das Altpapier

Von Heinz-Günter Kemmer

Wenn Carl-Ludwig Graf von Deym über die wirtschaftliche Lage seiner Branche spricht, setzt er die Leichenbittermiene auf. Auen nach zwei guten Jahren rutscht dem Präsidenten des Verbandes Deutscher Papierfabriken (VDP) das Prädikat „gut“ allenfalls versehentlich über die Lippen. Lieber spricht er davon, daß die meisten Unternehmen „nicht ganz unzufrieden“ waren. Und nun hat er auch noch eine Gefahr für seine Branche geortet, die er für besonders bedrohlich hält: Das Altpapier könnte knapp werden.

Davon ist im Augenblick zwar wenig zu spüren, im Gegenteil: Am Markt herrscht ein Überangebot wie lange nicht mehr. Die deutschen Altpapiersammler suchten im vergangenen Jahr sogar schon ihr Heil im Export. Bei einem Aufkommen von 4,35 Millionen Tonnen Altpapier gingen 920 000 Tonnen – zwanzig Prozent mehr als im Vorjahr – über die Grenzen; die Importe sanken dagegen um sieben Prozent auf 570 000 Tonnen.

Gleichzeitig fielen die Preise in den Keller. Teilweise waren sie nur noch halb so hoch wie im Jahr 1984, wobei dies allerdings ein besonderes Boomjahr war. Jetzt sei man wieder auf dem langjährigen Durchschnittsniveau, heißt es beim VDP.

Der Bundesverband der deutschen Rohstoffwirtschaft, der die Recycling-Branche vertritt, hat eine eigene Erklärung für den Preisverfall: Das Altpapieraufkommen sei um sechs Prozent gestiegen, während der Verbrauch stagnierte. Schuld daran hätten „vollmundige Prognosen aus den Reihen der Papierindustrie, die noch 1985 Steigerungsraten im Altpapierverbrauch von jährlich zwischen 90 000 und 150 000 Tonnen in Aussicht gestellt“ habe, während der Altpapiereinsatz in Wirklichkeit leicht zurückging. Weiter heißt es beim Verband der Rohstoffwirtschaft: „Diese Prognosen haben indessen erwartungsgemäß vor allem die kommunale Abfallwirtschaft zu einer beträchtlichen Steigerung der Erfassung ermutigt. Im Verlauf der von etwa August 1984 bis Juni 1985 andauernden Altpapier-Hausse wurden beträchtliche Erfassungskapazitäten aufgebaut, die zu dem heute bestehenden Überangebot wesentlich beigetragen haben.“

Das sehen Graf Deym und seine Mitstreiter freilich ganz anders. Sie fürchten, daß ihnen gerade die Kommunen das Altpapier vor der Nase wegschnappen und in ihren Müllheizwerken verbrennen. „Die vermehrte Vernichtung des Altpapiers aus den Haushalten“, so der VDP-Präsident, „gefährdet die Versorgung.“