Im 1865 erschienenen "Spiegel edler Pfarrfrauen" wird als Vorbild eine "stille Seele" gepriesen, die zu den heftigsten "Aufwallungen" ihres ungehobelten Pfarrherren "schwieg wie ein Lamm". "Willige Unterwürfigkeit und Gehorsam" werden nicht als Frauenleid erkannt, sondern als Tugend gepriesen.

Knapp 50 Jahre später heißt es in dem Erbauungs-Werk "Die deutsche Pfarrfrau": "Die Pfarrerin", gemeint ist die Pastorengattin, "lernt sich selbst als das allerletzte Gemeindemitglied ihres Mannes ansehen."

Jahrzehnte später diese Klage: "Verständnis für den Ehemann und Verständnis für die Erwartungen der Gemeinde", schreibt die Pfarrfrau Ulrike Piechota 1977 in der Frauenzeitung Courage, "machen uns im Laufe der Jahre kaputt. Wir werden immer mehr der Abklatsch unseres Mannes, unser Ich gibt es irgendwann nicht mehr."

Zwei Jahre zuvor hatte der Pfarrerausschuß der evangelischen Landeskirche in Kurhessen-Waldeck (Kassel) 272 Pfarrfrauen befragt. Fast alle – mit Ausnahme der älteren Frauen – konnten eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen. Dennoch dienten sie ihrem Mann als "Pfarrgehülfin": empfingen Besucher, erledigten Telephonate, nahmen ihm Besuche ab und reinigten das Amtszimmer. Einige besorgten auch die Ablage.

Darüber hinaus halfen 86 Prozent auch noch in der Kirchengemeinde, beispielsweise im Frauenkreis oder in der Kinder-, Jugend- und Altenarbeit. Jede zehnte spielte die Orgel, jede vierte verstärkte den Kirchen- und einige wenige den Posaunenchor. Sie dienen bis heute um Gottes Lohn, das heißt: ohne Bezahlung.

Der Pfarrerausschuß kommentierte seinerzeit, Pfarrfrauen seien "in ihrem Wesen... von den Zielvorstellungen der Pfarrer, der Gemeindevorstände, der Kirchenleitungen, mithin von Männern" bestimmt. Ihre Fremdbestimmung erweise sich besonders in Konfliktsituationen; dann werde ihnen nämlich vorgehalten, sie hätten ja gewußt, wen und was sie heiraten.

Der Konfliktfall ist da, wenn eine Pfarrersehe scheitert und die kirchliche Gerichtsbarkeit einen Schuldigen sucht (die Scheidungsquoten der Pfarrhäuser passen sich zunehmend den Normalhaushalten an). Was sonst als Privatsache gilt, kann für einen Pfarrer zur beruflichen Katastrophe geraten: Versetzung in den Wartestand (mit geringeren Bezügen) oder Rausschmiß ist angedroht. Die Betrogenen sind dabei in jedem Fall die Pfarrfrauen, die im übrigen fast ausnahmslos von ihren Männern verlassen werden. "Sie geraten in die absurde Situation", so die hessen-nassauische Kirchenzeitung Weg und Wahrheit im Februar, "ihre Männer im Gespräch mit der Kirchenleitung noch in Schutz nehmen zu müssen, denn wenn sie anhand der Fakten ... die Schuld ihren Männern geben, sind die ihre Arbeit los, damit auch ihr Einkommen, und die Frauen bekommen keinen Unterhalt." Angesichts der Rechtslage dient die Lüge dem Lebensunterhalt.