Unsere Bundesregierung arbeitet zur Zeit an der Antwort auf zwei „große Anfragen“ in Sachen Tourismus. Die oppositionelle SPD hat Mitte November letzten Jahres ihre Anfrage gestellt, der Koalitionspartner FDP meldete sich einen Monat später. Nun ist die Ministerialbürokratie am Zuge. Sie sammelt Zahlen, Fakten und Prognosen, um den Parlamentariern sorgfältig und umfassend Auskunft geben zu können. Nachher werden wir wissen, wie die Regierung das Engagement ehrenamtlicher Helfer im Tourismus bewertet (na wie wohl?) und welche Bedeutung Bonn der Erhaltung einer intakten Umwelt für den Fremdenverkehr beimißt – platte Selbstverständlichkeiten.

Aber es gibt auch zahlreiche wichtige Fragen, und es wird die eine oder andere erhellende Antwort geben. Ob sie das grundsätzliche Problem klären, warum der Anteil jener, die im eigenen schönen Land Ferien machen, kontinuierlich geringer wird, selbst in Prachtsommern – das bleibt abzuwarten.

Aber mit vielen hilfreichen Antworten ist es nicht getan. Was der Bundesrepublik – im Gegensatz zu den meisten ihrer Nachbarländer und zu ihren eigenen Bundesländern – fehlt, ist ein Gesamtkonzept für den Wirtschaftsbereich Fremdenverkehr. Da wird im Wirtschaftsministerium auf Verwaltungsebene fleißig, aber konzeptionslos gearbeitet.

Dem deutschen Tourismus fehlt es an Zielvorgaben, planerischer Aufbereitung der Wege zu den Zielen und koordinierender Bewertung. Und dieses Defizit trifft einen Wirtschaftszweig, der mit 1,5 Millionen Menschen mehr Bürger beschäftigt als die gesamte deutsche Autoindustrie – einen Wirtschaftszweig, der am Bruttosozialprodukt einen mächtigen, kaum genau zu beziffernden Anteil hat. Allein das Gastgewerbe kommt mit seinen 55 Milliarden Mark Umsatz auf 3,5 Prozent des Bruttosozialprodukts (zum Vergleich: Die Stahlindustrie bringt es auf 1,7 und die deutsche Landwirtschaft auf 2,2 Prozent).

Dennoch ist der deutsche Fremdenverkehr ein Stiefkind der Bonner Politik. Jetzt wäre der Zeitpunkt gekommen, das zu ändern, aus den Anfragen nicht nur ein parlamentarisches Quiz zu machen, sondern aus dem parlamentarischen Interesse auch ein Gesamtkonzept abzuleiten. Der Tourismus ist eine arbeitsplatzintensive Wachstumsindustrie, davon haben wir wahrlich nicht viele. K. V.