„Milena Jesenská“, von Jana Černá. Eine Tochter erinnert sich an ihre Mutter, jene Frau, an die Kafka seine „Briefe an Milena“ gerichtet, der er bescheinigt hatte, sie sei eine ungewöhnliche Schreiberin. Einige ihrer Feuilletons und Reportagen wurden vor kurzem auch bei uns veröffentlicht. („Alles ist Leben“, 1984); da konnte man eine besondere Journalistin, genaue Betrachterin ihrer Zeit, eine leidenschaftliche Kämpferin für ihr Land kennenlernen. Wer diese Frau war, wie sie gelebt hat, das erfährt man nun in diesem (in seltsam naivem Ton geschriebenen) Buch der Tochter. Mit liebevoller Distanz und großer Diskretion erinnert sich die eine an die andere: an die schwierigen Lieben, das von Geldsorgen allzuoft geprägte Leben, die Morphium-Abhängigkeit und ihre Folgen für das Familienleben, an den Kampf der Tschechin gegen die Deutschen ebenso wie den gegen die parteilinientreuen Kommunisten; und die Tochter erinnert sich auch an den Haß, der die Mutter (sie starb 1944 im KZ Ravensbrück) noch lange nach dem Ersten Weltkrieg traf: Die stets unkonventionelle Intellektuelle wurde als Renegatin beschimpft. Eine Tochter erinnert sich an die Mutter: daß die für das Kind wenig Zeit hatte, sie zu früh als Erwachsene behandelte, darüber gibt es keine Klagen, und erst im Nachwort (da schreibt Milenas Enkel über seine Mutter) bekommt man eine Ahnung davon, daß aus dem schweren Leben der Mutter ein schweres Leben der Tochter erwuchs. (Aus dem Tschechischen von Reinhard Fischer; Verlag Neue Kritik, Frankfurt, 1985, 175 S., 20,– DM.)

Manuela Reichart