Leverkusen: „Ägyptische und moderne Skulptur – Aufbruch und Dauer“

Ägyptische Skulptur sei in zurückliegenden Ausstellungen immer im sozialhistorischen oder religionsgeschichtlichen Kontext betrachtet worden, nun könne man sich ihr einmal unter Kategorien der Kunst nähern: So erklärt Dietrich Wildung, Leiter der ägyptischen Sammlung in München und neben Rolf Wedewer wesentlicher Mitgestalter der Ausstellung, das Besondere an der gemeinsamen Präsentation von ägyptischen und modernen Skulpturen. „Aufbruch und Dauer“, der Untertitel der Ausstellung, suggeriert Kontinuität, Verwandtschaft zwischen ägyptischer und moderner Skulptur. Betrachtet man sie als reine Formschöpfung, so gibt es in der Tat Vergleichbares, so die Blockhaftigkeit mancher Gestaltungen oder die Darstellung des Menschen und seiner Bewegungen. Dem Menschen über die Vergänglichkeit des Lebens hinaus zeitlose Ewigkeit zu verleihen ist das Anliegen der dem Totenkult geweihten ägyptischen Kunst. Statisch und nur in die Frontalität gewandt ist der Mensch dem Stein eingeschrieben. Plastische Gestaltungen des 20. Jahrhunderts hingegen streben in eine räumliche Dynamik: Sie haben nicht eine, sondern viele Ausrichtungen, und in ihrer Totalität erfassen kann man sie erst, wenn man sie umschreitet, um so ihre wechselnden Raumbezüge zu erfassen. Eine steinerne Stele von Rückriem etwa bestimmt trotz ihrer statischen Gestalt den Raum nach allen Himmelsrichtungen. Und mit Balzacs spontaner Kopfwendung in einer Skulptur von Rodin aus dem Jahr 1897 ist der Ausdruck eines Augenblicks erfaßt, dessen Wirkung durch die rauhe Behandlung der Oberfläche nur gesteigert wird. Hinter dieser momenthaften, dynamischen Darstellungsweise verbirgt sich eine gänzlich gegenwartsorientierte Weltsicht, während ägyptische Kunst gerade die Transzendenz zu ihrem Anliegen gemacht hat. Das Thema „Aufbruch und Dauer“ behält seine Richtigkeit nur, wenn man Form von ihren Inhalten trennt, mit Motiwergleichen sich begnügt. Dann allerdings kann man sich an der Versammlung so vieler Skulpturen von hohem Rang wirklich erfreuen. (Museum Morsbroich bis zum 31. 3., anschließend vom 18. 4. in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München, Katalog DM 23,– DM.) Brigitte Lohkamp