Von Roland Kirbach

Düsseldorf

Stundenlang sitzt die junge Frau in derselben anstrengenden Haltung auf der Anklagebank der 17. Strafkammer des Düsseldorfer Landgerichts: Die dem Publikum zugewandte Schulter hochgezogen und den Kopf tief nach vorn gebeugt, sucht sie ihr Gesicht zu verbergen. Ganz nah rückt sie an ihren Verteidiger heran, als wolle sie sich an ihn schmiegen, Schutz suchend vor den neugierigen Blicken der Zuhörer und Journalisten. "Sie hat ihre Schuld angenommen", sagt der Verteidiger. "Wenn sie geahnt hätte, daß ein Mensch Schaden nehmen könnte, wäre sie lieber gegen einen Baum gefahren." Und er bittet um Verständnis dafür, daß die Angeklagte dies nicht selbst sagt: "Nicht, daß sie nicht aussagen will – sie kann nicht." Vor Scham und Schuldgefühl bringt die Frau keinen Ton hervor.

Die Anklage gegen die 27jährige Ingrid S. lautet auf Totschlag. Am 29. August 1984 überfuhr sie mit ihrem Auto einen 14jährigen Schüler und verletzte acht weitere Menschen, als sie eine Polizeisperre in der Nähe einer Düsseldorfer Sparkassenfiliale durchbrach. Sie wollte zu ihrem Mann, der die Zweigstelle zusammen mit einem Komplizen tags zuvor überfallen und sich mit Geiseln dort verbarrikadiert hatte. Eine halbe Stunde, nachdem die Polizei die Filiale gestürmt und die Geiseln nach 34 Stunden ohne Blutvergießen befreit hatte, preschte Ingrid S. heran. Die Staatsanwaltschaft ging zunächst davon aus, Frau S. habe ihren Mann und dessen Komplizen befreien wollen. Einem psychiatrischen Gutachter versicherte sie jedoch später, sie habe ihren Mann zur Vernunft bringen wollen. Und Zeugen berichten, daß die junge Frau nach dem Unfall, unter Schock stehend, immer nur wiederholt habe: "Laßt mich zu ihm, laßt mich zu ihm! Der gibt auf!"

Daß ihr Mann einer der Täter jenes spektakulären Banküberfalls war, der damals die Öffentlichkeit in Atem hielt, habe sie zunächst gar nicht gewußt. Sie war es gewohnt, daß er oft nächtelang nicht nach Hause kam, erzählte sie dem Psychiater. Er war arbeitslos und trank viel, machte hohe Schulden und schlug sie. Was er tat, während sie ihrer Arbeit im Büro eines Farben- und Tapetengeschäfts nachging, wußte sie nicht. Oft habe sie mit dem Gedanken gespielt, sich scheiden zu lassen. Doch dazu hatte sie nicht die Kraft. Der Psychiater Wilfried Krömer konstatierte ein "depressives Syndrom", unter dem die Angeklagte nicht erst seit der verhängnisvollen Autofahrt leidet. Schon als Kind litt sie unter dem trinkenden Vater, der häufig arbeitslos war und ihre Mutter sowie ihre fünf Geschwister regelmäßig verprügelte. Hinzu komme eine "geradezu qualvolle Angst", die sich noch verstärkte, nachdem sie in einer S-Bahn-Unterführung von einem Mann vergewaltigt worden war. Zu diesen psychischen Störungen, denen nach Auffassung des Gutachters "Krankheitswert zuzuerkennen" sei, kam am Tattag noch eine "aktuelle Traumatisierung" hinzu: Am Nachmittag jenes 29. August rief ihr Mann sie aus der Sparkasse an und eröffnete ihr, daß er einer der zwei Bankräuber sei. Daraufhin habe sie unbedingt zu ihm wollen. Als sie unterwegs im Autoradio hörte, daß die Filiale gestürmt worden sei, habe sie panische Angst bekommen. "Ich traue meinem Mann zu, daß er andere tötet", sagte sie später dem Psychiater.

Und dann tötete sie selbst einen Menschen. Doch außer an einen "großen Knall" kann sie sich an nichts mehr erinnern. Um so genauer erinnern sich die Polizeibeamten und Schaulustigen, die Zeugen und zum Teil Opfer der wilden Autofahrt wurden. An der ersten Polizeisperre, mehrere hundert Meter von der Sparkasse entfernt, habe sie angehalten und zunächst so getan, als ob sie der Aufforderung umzukehren folgen wolle, berichtet ein Polizist. Doch dann habe sie plötzlich Gas gegeben und sei mit hoher Geschwindigkeit auf der linken Fahrbahn der mehrspurigen Straße davongebraust. Zwei Polizisten auf Motorrädern konnten sie nicht mehr einholen.

In einer Rechtskurve erfaßte sie den 14jährigen Frank K., der sich mit seinem Fahrrad auf dem Damm der Straßenbahnschienen in Sicherheit bringen wollte. Der Junge wurde durch die Luft geschleudert und schlug auf der Gegenfahrbahn auf. Er war sofort tot. Der Wagen schlitterte unterdessen weiter, knickte einen Ampelmast um, durchbrach eine zweite Polizeisperre unmittelbar vor der Sparkasse und verletzte mehrere Passanten, bevor er endlich zum Stehen kam.