Von Uwe Prieser

Er geht die paar Schritte zur Luke hinunter, auf einmal ist er unendlich weit entfernt von dem Platz, an dem er gerade noch gestanden hat. Dann schiebt er seine schweren Skibretter quer zu dem irrwitzigen Gefälle der Schanze über die Anlaufspur. Der Wind, der hier oben über die kahle Bergkuppe weht, die Helligkeit über dem Schnee, die dunkle, scharf abfallende Linie der Baumwipfel, das schleifende Geräusch seiner Skier im Schnee – das alles spürt er, und er spürt es nicht.

Wir starren hinauf zu dem winzigen, dunklen Komma über dem Schnee, und unser Blick gleitet an der schmalen, steilen Schneebahn hinab, hinab den unendlichen Steilhang, wo die Fahnen stehen – 191 Meter, die Weltrekordmarke. Dann gleitet der Blick wieder hinauf, und der Schnee nimmt kein Ende, und das dunkle Komma dort oben ist das Einsamste, das wir je gesehen haben.

„Mach Urlaub in der Steiermark – herzlich willkommen“ funkt die elektronische Anzeigetafel über die Menschenmenge am Auslauf hin. Gleich wird sie die Weite und die Geschwindigkeit des Skispringers anzeigen. Der Dunst von Grillwurst und Punsch über unseren Köpfen. Wir debattieren, ob es beim Skifliegen schon Tote gegeben hat. Keiner kann sich erinnern. Wir erzählen von Unfällen. Einmal hat einer beim Absprung die Skier verloren. Einen anderen hat ein Luftwirbel gepackt, und er hat in seiner Panik die Knie angezogen und sich in der Luft überschlagen. Zum Glück stürzen sie ja auf eine schiefe Ebene. 38 Grad Neigungswinkel.

Skiflug-Weltmeisterschaft am Kulm bei Bad Mitterndorf zwischen Dachstein und Totem Gebirge. Die Schrift auf der Anzeigetafel erlischt, eine neue erscheint: „Mit XY sicher durch den Winter“. Die Trachtenkapelle ist über den Parkplatz abgezogen. Eine jugoslawische Gruppe singt zur Quetschkommode. Ihr Held Ulaga gehört zu den Favoriten. Nein, Ulaga hat nämlich pro Wettbewerb immer nur einen guten Sprung, auf dem es ihn weit hinunterträgt. Überdies sei er krank gewesen. „Das ist die eine Hälfte der Erklärung“, sagt ein Jugoslawe, „die andere Hälfte ist im Kopf.“ 1983 bei der Weltmeisterschaft in Harrachsdorf im Riesengebirge hat Ulaga in Führung gelegen. Dann hatte es zu regnen angefangen, der Wind hatte zugenommen, und Ulaga sah zwei der großen Favoriten stürzen. Zum nächsten Durchgang trat Ulaga nicht mehr an. „Wer da oben steht und keine Angst hat, der ist wahnsinning“, sagt der Österreicher Armin Kogler. Vor fünf Jahren war er mit 180 Metern der Weltrekordler gewesen.

Dort oben, auf einem flachen Platz im Rücken der Schanze, simulieren die Springer Phasen ihres Fluges. Das Standbein durchgedrückt, Oberkörper und Arme beinahe waagerecht nach vorne gestreckt, so versucht einer die Balance seiner Luftfahrt vorzuempfinden. Zwei andere bereiten sich auf den explosiven Absprung aus der tiefen Hocke auf dem Schanzentisch vor. Einer springt, und der andere fängt ihn mit einem Griff unter die Achseln auf. Gleich, in der Luft, wird sie niemand auffangen können. Auf den richtigen Absprung kommt es an, wenn sie mit 100 bis 110 Stundenkilometern auf den Schanzentisch zusausen. Doch mit dem richtigen Absprung ist nicht mehr als ein Augenblick von sechs Sekunden Ewigkeit gewonnen. So lange dauert ihr Flug. Wehe aber, sie erwischen den Absprung nicht, dann ist der Flug verdorben, und vom Rausch bleibt nichts als eine sich rapide potenzierende Gefahr. „Wer sagt, daß er da oben keine Angst hat, der lügt“, behauptet der deutsche Bundestrainer Ewald Roscher.

Dort oben sitzt der Skiflieger auf dem schmalen, über die Rampe gelegten Holzbalken. Nur seine Hände sind in Bewegung. Sie rücken die Brille, sie greifen nach hinten, an die stählernen Federn der Skibindung. Wenn er stürzt, müssen sie sich öffnen, aber wehe, sie gehen während des Fluges auf oder während er noch den Steilhang hinabfährt.