Ein Gespräch mit dem Dirigenten Gerd Albrecht

/ Von Peter Fuhrmann

In zwei Jahren wird Gerd Albrecht zusammen mit dem Komponisten (und derzeitigen Intendanten des Radio-Symphonie-Orchesters Berlin) Peter Ruzicka die Leitung der Hamburgischen Staatsoper übernehmen, ein Amt, das für ihn die bisher größte Herausforderung bedeutet. Der mit internationalen Verpflichtungen überhäufte Dirigent wird dann wohl nicht zuletzt den (kleineren) Schallplattenunternehmen fehlen, bei denen er mit ungewöhnlicher Sachkompetenz und Durchsetzungskraft viel Pionierarbeit geleistet hat. Allein in den letzten fünf Jahren wurden nahezu dreißig Langspielplatten von ihm veröffentlicht: mit neuen, vergessenen oder unbekannt gebliebenen Werken von der Romantik bis zur Gegenwart. Nicht das gängige, vielmehr das seiner Meinung nach zu Unrecht vernachlässigte Repertoire steht bei Gerd Albrecht im Vordergrund: Stücke von Zemlinsky, Korngold, Schreker, Busoni, Krenek, Hindemith, Schoeck und vielen anderen, die von seinen Kollegen meistens gemieden werden.

"...nicht nur von den Kollegen", sagt Albrecht, "sondern von der Schallplattenbranche ganz allgemein. Das ist der entscheidende Punkt. Ich habe im Lauf der Jahre manches gelernt im Zusammenspiel von Kunst, Kommerz und Idealismus, ich bin aber nie dahintergekommen, nach welchen Regeln die Programmpolitik im Schallplattenmedium letztlich verfährt. Oft gelingt es nicht einmal Insidern, herauszufinden, wieviel von Zufälligkeiten oder Intrigen abhängt. Wenn immer ich mit Schallplatten-Bossen spreche, habe ich das Gefühl, das Westeuropäer zuweilen von russischer Politik haben: nämlich daß mehr Willkür als Planung zugrunde liege. Ähnlich erscheint mir dies in der Schallplattenindustrie."

Für viele haben sich die Zeiten inzwischen zum Mißvergnügen gewandelt, nicht nur in diesem Geschäft. Auch in Rundfunkhäusern und Fernsehanstalten, den einstigen Hochburgen in der Förderung neuer Musik, bläst den Redakteuren und Programmverantwortlichen neuerdings ein kalter Wind ins Gesicht. Ihnen machen Einschaltquoten schwer zu schaffen, von Idealismus bleibt in der Realität nicht viel übrig.

Gerd Albrecht ist derlei nicht fremd. "Wie weit liegt es heute schon zurück, daß die Inhaber der Siemens AG das Defizit der Deutschen Grammophon, ihrer Tochtergesellschaft, mit ihrem Privatvermögen aufgefangen haben", meint er. "Daß die wichtigsten Werke der Avantgarde dort erscheinen konnten, war ihnen die Ausgabe wert. Das ist vorbei. Auch bei der BASF in Ludwigshafen wurde die klug aufgebaute Plattenabteilung kurzerhand aufgelöst, als eine neue Managergruppe die Führung übernahm. Über rote Zahlen ließ sie nicht mit sich reden. Inhaltliche Verdienste zählten nicht. Das jüngste krasse Beispiel freilich ist der Niedergang der Firma ‚Orfeo‘. Hier hatte man den Bogen allerdings überspannt."

Selbst die Schallplattengiganten gerieten ins Schleudern. Erst durch internationale Zusammenschlüsse konnten sich EMI, Teldec und Deutsche Grammophon aus der Gefahrenzone retten. Wohin führt der gegenwärtige Trend? "Dahin", glaubt Gerd Albrecht, "daß eindeutig der Kommen die erste Rolle spielt. Hinzu kommt, daß die Einfallslosigkeit in bestimmten Planungsetagen, so hart das klingt, desto größer wurde, je mehr das kommerzielle Interesse überwog. Ist es schlechterdings noch vertretbar, daß man etwa die siebente Aufnahme von Puccinis ‚Tosca‘, der soundsovielten Beethoven-Sinfonie oder einer Unmenge anderer Hits blindlings auf den Markt wirft, der damit ohnehin längst übersättigt ist? Da muß etwas nicht stimmen!"