Von Rolf Michaelis

Ein schmächtiges Bändchen, prall von Leben. Ein Buch, dessen oft nur zur Hälfte bedruckte Seiten man in einer knappen Stunde aufnehmen kann – und ein nicht auszulesender Märchen-Schmöker. Sorgfältig komponierte Prosa-Stücke, die doch erst in der nachdenkenden Phantasie des Lesers ihren Zauber entfalten.

49 Prosa-Gedichte, die uns erreichen könnten auch unter dem berühmt gewordenen, sachlich knappen Titel des Reporters Ernest Hemingway: "49 Depeschen". Auch der Original-Titel des Amerikaners hätte seine Richtigkeit über diesem Prosa-Buch einer Lyrikerin, die 1935 in Limlingerode im Harz geboren wurde: "Dispatches of Four Decades".

Ruhig folgt das halbe Hundert der Prosa-Miniaturen dem Jahreslauf, vom morgendlichen "Hahnenschrei" in "eiskalter Luft" bis zu jenen acht Zeilen unter dem Titel "Stück Natur", die von "abgestorbenem Holz" und "überwinternden slawischen Krähen" sprechen – und vielleicht doch den Menschen meinen: "ein Stück Natur das sich durchbeißt"?

Ein Buch der Lebensmitte. Mit scharfem Auge, gar nicht gleichmütig, wird Bilanz gemacht: "Es wird ein schlimmes Ende nehmen und bald." In den Blick kommt die dunklere Hälfte des Lebensweges. Das gibt den oft wortkarg jauchzenden Texten düstere Glut.

Jetzt sind es nicht mehr nur Nesseln, Quecken, Winden, Vogelmieren, Schachtelhalme, die beim Gang über die Wiesen, durchs Moor bemerkt sein wollen, sondern das Todeskraut Schierling oder die vom Volksmund als "Totentrompete" geschmähte Pflanze. "Ein Schaf trat aus dem Nebel und führte mich an ein Wasser darin ein ertrinkendes Lamm versuchte sein Leben zu retten. Ich beugte mich nieder zogs aus dem Schlamm ... Ich warf die Alraune weg die ich trug war es müde Winseln und Schrein aller Wesen zu hören. Verdoppelte meine Schritte in die Dunkelheit rein." Über dieser Depesche von einem Nebelspaziergang zwischen norddeutschen Weiden, Prielen in Dithmarschen – der Titel, der die träg durch Schleswig-Holstein fließende Eider in den Totenfluß der antiken Mythologie verwandelt: "Styx". Was lesen wir über einen anderen Prosa-Text, der den Polizei-Staat-Schrecken im geteilten, also doppelten Deutschland bannt? "Doppelter Boden."

Über doppelten Boden balanciert Sarah Kirsch alle Texte, des neuen Buches, mit dem sie, nun auch als Prosa-Schreiberin, unvergleichliche Meisterschaft erreicht. Auf den ersten Blick nur von Ausflügen über den nachgebenden Marschen-Boden der neuen Heimat zwischen zwei Meeren erzählend, holt sie alle Not der Zeit in scheinbar private Stenogramme. Im verregneten Sommer unter niedrigen Wolken übers Land gehend, glaubte die von Todes-Bildern und Nachrichten bedrängte Frau, "ertrunken zu leben": "Es war dieser Falkland-Sommer, als das verständige Land aber ein Königreich eben aufzuckte um seine letzten Kleinodien ein paar Schafe Farmer und Pinguine abenteuerlich Krieg zu führen begann ... Wenn ich empor sah ins eintönigste Wasser zog etwas über mich hin das noch am ehsten den Kielen und Schatten der Kriegsschiffe glich."