/ Von Karl-Heinz Janßen

Ans Licht kam die Sache, kurz bevor in Bonn der Parteispenden-Prozeß gegen von Brauchitsch, Friderichs und Graf Lambsdorff begann. Im Abendprogramm des Fernsehens lief ein WDR-Feature über den ehemaligen Flick-Generalbevollmächtigten. „Auch Eberhard von Brauchitsch“, hieß es, „sah oft rot, wenn sich ihm Widerstände in den Weg stellten. Den Marschallstab eines anderen Familienmitgliedes – seines Onkels – kaufte er kurzerhand vom ehemaligen Staatspräsidenten Sadat zurück: der jeweils älteste der Sippe sollte ihn in Verwahrung nehmen.“

Bei diesen Worten zuckte eine Zuschauerin zusammen, die sich in ihrer Zweizimmerwohnung im Braunschweiger Augustinum den Film ansehen wollte. Sie fiel sozusagen aus allen Wolken. Denn der Stab, von dem da die Rede war, gehörte ihr: Frau Charlotte von Brauchitsch, die Witwe des 1948 in britischer Gefangenschaft gestorbenen Generalfeldmarschalls, hatte mit ihrem Mann ein gemeinsames Testament und gilt – in der Juristensprache – als befreite Vorerbin. Da Marschallstäbe ihren Trägern als persönliches Eigentum überlassen wurden, dürften also Dritte auf das kostbare Stück (Schätzwert: 50 000 bis 100 000 Mark) keinen Anspruch erheben, auch nicht der „Neffe“ Eberhard, der eigentlich ein Vetternkind ist (sein Vater, ein Seeoffizier, und der Feldmarschall waren Vettern zweiten Grades).

Walther von Brauchitsch, der als Oberbefehlshaber das deutsche Heer in den Zweiten Weltkrieg geführt und den Hitler 1941 während der Winterschlacht vor Moskau auf eigenen Wunsch entlassen hatte, sollte nach dem Krieg von den Alliierten vor Gericht gestellt werden.

Als ihn im August 1945 britische Soldaten auf Hof Rachut bei Malente/Holstein verhafteten, ließen sie neben Zielfernrohr, Photo- und Filmapparaten und einem kleinen Lederkoffer mit persönlichen Briefen seiner Frau auch den Marschallstab mitgehen. Ein britischer General, von dem Brauchitsch das Zeichen seiner Würde zurückverlangte, berief sich – scheinheilig – auf einen Beschluß des alliierten Kontrollrats, wonach alle Gegenstände mit Nazi-Emblemen der Beschlagnahme verfallen seien. Den knapp fünfzig Zentimeter langen Stab – ein mit Purpursamt verkleideter Silberschaft, besetzt mit silbernen und goldenen Hoheitszeichen, gekrönt mit goldenem Knauf – hatte von Brauchitsch empfangen, als Hitler nach dem Sieg über Frankreich ihm und elf anderen Generälen den Rang eines Feldmarschalls verlieh.

Anfang 1954 tauchte das Schmuckstück wieder auf – in Kairo. Die jungen Offiziere unter Gamal Abdel Nasser, die den korrupten König Faruk gestürzt hatten, entdeckten ihn in den Palast-Sammlungen des Monarchen und wollten ihn, mit Tausenden anderer Kostbarkeiten, auf einer Auktion verhökern. Frau von Brauchitsch wandte sich sofort an das Auswärtige Amt in Bonn um Hilfe und erhob Einspruch beim ägyptischen Staatsoberhaupt, General Nagib, sowie beim Auktionshaus Sotheby. Sie erreichte tatsächlich, daß der Marschallstab aus dem Auktionskatalog herausgenommen wurde.