Trotz guter Vorsätze: Im Behördenalltag der Hansestadt bleiben Zigeuner diskriminiert

Von Paul Behrens

Hamburg

Wie bitte? „Wir fordern vom Senat der Freien und Hansestadt: Schluß mit dem Ziel, Hamburg zigeunerfrei zu machen.“ Hat sich da jemand um 45 Jahre in der Zeitrechnung vertan? Nein – Rudko Kawczynski, Vorstandsmitglied der Hamburger Rom und Cinti Union (RCU), hat die Formulierung bewußt gewählt; ist er doch überzeugt davon, daß in der Freien und Hansestadt die Diskriminierung „unserer Völker“ fortbesteht. „Seit Jahren schreiben wir Briefe, machen Eingaben, aber es verändert sich nichts. Wir werden vertröstet und hingehalten.“

Anfang des Jahres, als Klaus von Dohnanyi das konsularische Korps emfing, demonstrierten Mitglieder der RCU auf dem Rathausmarkt und überreichten dem Ersten Bürgermeister eine Deklaration. Neben der zitierten Forderung ist darin von „Verelendungspolitik“ die Rede sowie von einer „besonderen historischen Verpflichtung“ gegenüber den von den Nazis verfolgten Sinti und Roma: „endlich uns menschlich zu behandeln“. Das müsse der Senat „auch in den alltäglichen Entscheidungen seiner Behörden zeigen“.

Der Senat scheint guten Willens. In seiner Antwort auf eine Große Anfrage der GAL-Bürgerschaftsfraktion zur Lage der Roma und Sinti bekennt er sich zwar nicht zu einer besonderen Verpflichtung, doch „tritt (er) unverändert dafür ein, daß im alltäglichen Umgang mit Roma und Sinti Verständnis, Information und Sensibilität gefördert und Vorbehalte abgebaut werden“.

Das klingt nicht schlecht. Sieht man sich jedoch die alltäglichen Entscheidungen der Behörden einmal näher an, gewinnt man bald den Eindruck, daß es mit Verständnis und Sensibilität nicht weit her ist. Das bekommen vor allem Roma aus Polen oder Jugoslawien zu spüren. Zum Beispiel Bizerka Adzovic. Das 14jährige jugoslawische Roma-Mädchen wurde an einem Januarmontag von Polizeibeamten beim Betteln beobachtet und wegen versuchten Diebstahls auf der Stelle verhaftet. Tags darauf erließ Richter Klaus Hinrichs Haftbefehl, „weil Fluchtgefahr besteht“ – ein Haftgrund, den die Rechtsanwältin Verena Sieh für „völlig abwegig“ hält; denn „Bizerka wohnt bei ihren Eltern, die das Hamburger Stadtgebiet gar nicht verlassen dürfen, weil ein Asylverfahren läuft“.