Roma aus Polen und Jugoslawien, die in Hamburg Asyl suchen, fürchten noch etwas anderes: die „Verteilung“. Nach Hamburg strömen mehr Asylbewerber, als der Stadtstaat nach einem von den Ländern vereinbarten Schlüssel aufnehmen muß. Hamburg muß 3,3 Prozent aller Bewerber aufnehmen, der Rest wird nach dem Asylverfahrensrecht „verteilt“.

Im Büro der RCU klingelt es Sturm. Ein Mann stürzt herein, hält Rudko Kawczynski wortlos ein Schreiben hin: Stanislaw Grondowski und seine Frau Kira sollen ins Saarland verteilt werden. Ein Widerspruch gegen den Bescheid ist möglich, hat aber keine aufschiebende Wirkung; bei Zuwiderhandlung droht Freiheits- oder Geldstrafe. Die Grondowskis sind bei einem Cousin untergekommen. Dort fühlen sie sich aufgehoben, dort wollen sie auch bleiben. Für Rudko Kawczynski bedeutet das wieder mal einen Behördengang.

„Verteilung von Asylbewerbern“ steht auf dem gelben Schild über der Tür. Die zur Verteilung anstehen, lehnen schweigend an der Korridorwand. Etwa zwei Dutzend Leute – überwiegend Schwarze – haben sich an diesem Morgen im Ausländeramt am Hauptbahnhof eingefunden. Stanislaw Grondowski hat ein Attest dabei, das ihm Reiseunfähigkeit bescheinigt. Seine Frau leide an Diabetes.

Warum sind die beiden überhaupt aus Polen geflohen? Kawczynski übersetzt: Die Stimmung sei bedrohlich; in Tschenstochau und Kattowitz hätte man Zigeunerlager überfallen und angezündet.

„Nr. 70!“ ruft eine weibliche Stimme. Es war ein Kommando. Nr. 70 geht rein, kommt nach zwanzig Minuten wieder raus. Weitere zwanzig Minuten rührt sich nichts. Dann: „Nr. 71!“ Wir betreten die Amtsstube. Überraschenderweise will die Sachbearbeiterin nicht wissen, wer der Deutsche ist, der sich da mithineingewagt hat. Sie sagt gar nichts, fischt sich eine Akte heraus und blättert. Fünf Minuten verstreichen, ohne daß ein einziges Wort fällt. „Wo ist der Widerspruch?“ Die Sachbearbeiterin vermißt etwas. Rudko Kawczynski erwähnt einen Brief an den Bürgermeister. Es kommt zu einem gereizten Wortwechsel, dem Grondowski mit offenem Mund lauscht, ängstlich zwischen Kawczynski und der Sachbearbeiterin hin- und herblickend. Es geht um ihn, aber er versteht kein Wort. Endlich tippt die Sachbearbeiterin den erlösenden Vermerk in den Ausweis: Stanislaw Grondowski darf einen Monat länger in Hamburg bleiben.

Vielleicht sind andere Sachbearbeiter nicht so unfreundlich – dieser Vormittag auf dem Ausländeramt war deprimierend. Für Kawczynski sind solche Behördenerlebnisse Routine: „Meine Leute glauben, ich kann ihnen helfen, und ich weiß nicht, wie ich ihnen helfen soll.“ Für die Roma ist es schon eine große Hilfe, daß sie sich in Rudko Kawczynskis Begleitung nicht hilflos fühlen. Er kennt die Behörden und hat schon manchen Papierkrieg ausgefochten. Es ist immer dasselbe: „Die kommen doch nicht nach Hamburg, weil ihnen die Stadt so gut gefällt, sondern „weil sie hier Verwandte haben!“

Über die Verteilung wird im bayrischen Zirndorf entschieden. Aber die Ausländerämter können humanitäre Bedenken geltend machen. Der enge Familienzuwachs der Roma und Sinti könnte ein solcher Grund sein. In der Antwort auf die Große Anfrage hat der Senat jedoch bestätigt, daß er einen „weitergehenden Familienbegriff im Sinne von Großfamilie oder Sippe“ nicht anerkennt. Manfred Sorg vom Einwohner-Zentralamt redet Klartext: „Wir können Hamburg nicht zu einem gewissen Zentrum machen.“