Die Förderung von Kleinbetrieben könnte vielen Entwicklungsländern helfen

Von Klaus Löffler

Unter Reisenden gilt sie als Geheimtip: die zum Hotel umgebaute Hacienda Huzhupud. Sie liegt in der ecuadorianischen Bergprovinz Azuay und ist vor allem wegen ihres Orchideengartens beliebt. Hinter der touristengerechten ländlichen Idylle verbirgt sich indes eine geschäftliche Tragödie, deren Handlungsablauf für Familienbetriebe in Entwicklungsländern typisch ist.

In den fünfziger Jahren schloß der innovationsfreudige Besitzer seinem Landwirtschaftsbetrieb einen handwerklichen Veredelungsbetrieb an. Seitdem stellte Cornelio Veintimilla auch Marmelade, Fruchtsäfte, Liköre und Ketchup her. Da die Banken für Kleinbetriebe – dies ist auch heute noch die Regel – keinen Kredit bewilligten, kratzte Cornelio Veintimilla das notwendige Betriebskapital im privaten Bekanntenkreis zusammen. „Als mein Großvater Cornelio plötzlich schwer erkrankte“, berichtet Pablo Crespo Veintimilla, „stürmten die Leute regelrecht die Hacienda und verlangten das Geld zurück. So kam Huzhupud, seit ungezählten Generationen im Familienbesitz, wegen fehlender Kreditlinien für Kleinunternehmer über Nacht unter den Hammer.“

Aus seiner Familiengeschichte hat Pablo Konsequenzen gezogen. Er gehört zu den treibenden Kräften beim Aufbau einer Art Kleinindustrie- und Handwerkskammer sowie einer Kreditgarantiegemeinschaft in seiner Region. In der Vergangenheit waren zu viele ehrgeizige Projekte auf dem Gebiet der wirtschaftlichen und technischen Zusammenarbeit gescheitert, vor allem großdimensionierte Industrialisierungskonzepte mit einer Großindustrie, die sich vorzugsweise am Außenhandel orientiert. Die auf längere Sicht einzig realistische Alternative besteht in einer veränderten Wirtschaftsstruktur, in der private Kleinbetriebe einen zentralen Platz einnehmen. Dafür spricht eine Reihe von Argumenten.

Arbeitslosigkeit bringt für die Betroffenen in den Entwicklungsländern größere materielle Härte mit sich als in Industrienationen. Der Jobverlust ist ein ungedämpfter Absturz ohne soziales Netz. Kapitalintensive Großunternehmen stellen aber auch bei größeren Investitionen häufig nur wenig neue Beschäftigte ein. Eine Faustregel besagt: je kleiner der Betrieb, desto arbeitsintensiver die Produktion.

Dabei spielen die Kosten für einen neuen Arbeitsplatz eine wichtige Rolle. In den Andenpaktländern – dazu zählen Bolivien, Ecuador, Peru, Kolumbien, Venezuela – schlägt die Schaffung eines neuen Arbeitsplatzes gegenwärtig in einem Großbetrieb (über zweihundert Mitarbeiter) mit 40 000 Dollar, in einem kleinen Industriebetrieb (unter fünfzig Mitarbeiter) hingegen nur mit 8000 Dollar, in handwerklichen Familienbetrieben (unter zehn Mitarbeiter) mit 2000 Dollar zu Buche. Darunter liegt noch der sogenannte informelle Sektor, eine riesige Grauzone der lateinamerikanischen Wirtschaft, in der einfache ländliche Handwerksbetriebe und städtische Hinterhofwerkstätten angesiedelt sind, die sich mit Schwarzarbeit über Wasser halten. Diese Größenordnungen zeigen, daß das pauschale Credo, „mehr Wachstum bedeutet mehr Arbeitsplätze“, ein wirtschaftspolitischer Aberglaube ist. Vielmehr kann die Rechnung nur aufgehen, wenn auf der Basis angepaßter Technologien gezielt das Wachstumspotential der Kleinen ausgeschöpft wird.