Erstaunliches ist aus Paris zu vermelden. Nachdem die Stadt vor zwei Jahren von einer Mahler-Welle überschwemmt wurde, ist sie jetzt vom Österreich-Fieber erfaßt, das massiv auf Bild- und Tonmedien, Buchhandlungen und Verlage übergreift, von den Thomas-Bernhard- und Musil-Aufführungen in verschiedenen Theatern gar nicht zu sprechen. Auslöser und Kristallisationspunkt dieser Austromanie ist die Ausstellung „Wien 1880-1983“. Sie lockt täglich an die siebentausend geduldige Schlangensteher ins „Centre Georges Pompidou“, von denen rund ein Zehntel den Katalog heimschleppt, ein Werk von 800 Seiten zu 120 Mark, weniger Museumsbegleiter ab Kulturgeschichte der Wiener Moderne, die von Autoren wie Bruno Bettelheim, Pierre Boulez, E. M. Cioran, Ernst Gombrich und Claudio Magris bis in die Gegenwart verlängert wird.

Auch das Musikprogramm des „Ircam“ findet starken Anklang, führen doch Ensembles wie das Alban-Berg-Quartett, Lassalle, Brandis, Orlando und andere die gesamte Kammermusik der Wiener Schule auf, die durch Konzerte um Hauer, Krenek, Wellek, Schreker, Apostel und Heutige ergänzt wird, während in der Ausstellung selbst Liederabende stattfinden. Kabarett, Rezitation, lebendige Literatur und Diskussion haben im „Café Viennois“ im Untergeschoß ihr Forum, das zugleich an die 5000 Bände heutiger Österreich-Literatur sowie Kaffee (22 Sorten) und Kuchen aus einer original Wiener Konditorei anbietet.

Die Presse ist enthusiastisch. Die meisten Tageszeitungen bringen drei bis vier Seiten über Wien, „Le Monde“ widmete dem Phänomen zwei seiner wöchentlichen Kulturbeilagen, Wochenzeitschriften hatten bis zu acht Seiten. Alle diese eher unkritisch faszinierten Reaktionen spiegeln das Erstaunen darüber, daß eine Metropole am anderen Ende Europas das 20. Jahrhundert so völlig anders beginnen konnte als Paris. Die Voraussetzungen dieses Aufbruchs – Vielvölkerstaat, kulturelle Abspaltung von Deutschland, Streben nach Internationalität – sind für nationalstaatlich-zentralistisch eingestellte Franzosen ebensowenig faßlich – und daher leicht mythisierbar – wie die latente Untergangsstimmung der Donaumonarchie, vor der man sich diese Kunstblüte ausmalt. Die Aufklärerfunktiön von Karl Kraus und Sigmund Freud, die Isolation bahnbrechender Maler und Architekten, die verdrießliche Gleichgültigkeit des Wiener Publikums angesichts unbequemer Neuerer – all dies geht heute in einem Märchen vom Gesamtkunstwerk unter, an dem alle mitgewirkt hätten, auch wenn die morbide Psychologie der Porträts von Egon Schiele und Oskar Kokoschka und die Totengräberkunst eines Alfred Kubin eine radikal andere, tief pessimistische Sprache sprechen.

Die Ausstellung selbst umfaßt gut zweitausend Objekte und heißt im Untertitel „Naissance d’un siècle“ – Anbruch eines Jahrhunderts. Die Idee zu diesem Panorama tauchte um 1980 auf, als das „Centre Pompidou“ in seinem großen pluridisziplinären Zyklus Paris mit Berlin, Moskau und New York in Beziehung setzte. Ausleihschwierigkeiten ließen zunächst keine Realisierung zu. Mit der Wien-Ausstellung im Palazzo Grassi zu Venedig 1984 ergaben sich neue Perspektiven. Ein Regierungsakt sicherte dem „Centre Pompidou“ jene Schlüsselwerke aus den österreichischen Museen zu, ohne die eine repräsentative Darstellung der Jahrhundertwende, namentlich was die Malerei, die Erzeugnisse der Wiener Werkstätten und die Architekten angeht, unmöglich ist. Auch die von Hans Hollein für „Traum und Wirklichkeit“ in Auftrag gegebenen Modelle und Nachbildungen der wichtigsten Bauten von Otto Wagner, Josef Hoffmann und Adolf Loos standen zur Verfügung.

Zur letztjährigen Ausstellung im Wiener Künstlerhaus bestehen allerdings erhebliche Unterschiede. Zum einen konnte die Malerei dank Leihgaben aus anderen Ländern ikonographisch breiter aufgefächert werden, während Alfred Kubins zeichnerisches Frühwerk dank der Großzügigkeit des Münchner Lenbachhauses und der Wiener Albertina in selten qualitätvoller Geschlossenheit vor Augen steht. Zum anderen standen die Veranstalter vor einer weiteren Aufgabe. Wien hatte sich dank Hans Hollein seine Jahrhundertwende als ein von Architektur und Design dominiertes Gesamtkunstwerk und Totaltheater wieder angeeignet. Zur Ergänzung brauchte man nur die Stadt und ihre Museen zu durchstreifen. In Paris galt es, eine vom Ruf her legendäre, aber nur durch geringe Anschauung untermauerte Kultur durch klaren historischen Ablauf und das Herausarbeiten der Entwicklung zu vergegenwärtigen. Begriffe wie Sezession, Jung-Wien, Kunstschau, Wiener Werkstätte waren zu versinnlichen, Gründerzeit, Ringstraße und Gemeindebauten vor Augen zu führen.

Daß Wien am Fin de siècle im Banne Nietzsches und Wagners stand, verdeutlichen zu Beginn deren Porträts von Edvard Munch und Lenbach, die unter dem Doppeladler den Kaiser Franz Joseph einrahmen. Durch einen in Holz nachgebildeten Stadtbahneingang betritt man den Salon „Ringstraße“ mit Gemälden von Makart, Romako, Rudolf von Alt und dem jungen Gustav Klimt. Nebenan und in Kontrast dazu der neue Wiener Urbanismus von Otto Wagner. Dann ein eigener Saal mit den Aufbrüchen „um 1900“: Ernst Mach als Physiker und Erkenntnispsychologe, Viktor Adler, Führer der Sozialdemokratie, Theodor Herzl und sein „Judenstaat“, die junge österreichische Literatur, endlich die Gründung der Sezession 1897 und der Bau ihres Gebäudes durch Joseph Maria Olbrich. Besonderer Nachdruck gilt Sigmund Freud und der in Frankreich dank dem Surrealismus und Lacan so folgenreichen Psychoanalyse. Hier sind die Ödipus-Bilder von Ingres und Max Ernst zu sehen, ferner ein Riesengemälde von Brouillet mit einer jener Hysterie-Vorführungen durch Professor Charcot, denen Freud beiwohnte.

Die Malerei wird mit richtigen Retrospektiven hervorgehoben, namentlich von Klimt ist ein wohl unwiederholbares Ensemble zusammengekommen. Die frühe österreichische Photographie findet ebenso ihren Platz wie das Werk des genialen Marionettisten Richard Teschner und die heute wieder so aktuelle Malerei von Arnold Schönberg und seinem unglücklichen Rivalen Richard Gerstl, der sich 1909 nach einer Liaison mit der Frau des Musikers grausam umbrachte. Auch die Wiener Schule der Kunstgeschichte erhielt einen eigenen Raum, für den die Doppelbildnisse der Kunsthistoriker Hans und Erica Tietze-Conrat von Kokoschka sowie Heinrich und Otto Benesch von Schiele gewonnen wurden. Museumspläne von Otto Wagner umgeben die Bücher. Der Zeichner Klemens Brosch illustriert mit unheimlicher Präzision die Kriegsgreuel 1914-18. Als Wiener Konstruktivisten der Nachkriegszeit werden Kupka, Itten, Kassak, Klien und Kiesler vorgestellt, während die Modernität der dreißiger Jahre – Robert Musil, Broch, Wittgenstein, Herbert Boeckl und der junge Wotruba – um bahnbrechende technische Neuerungen wie die Kaplanturbine und das Steyr-Stromlinienauto angeordnet ist. Nur von Westen her ließ sich vielleicht ein so scharfer Blick auf das alte Mitteleuropa richten; die Ausstellung bezieht ihre Kohärenz und sinnliche Brisanz aus dieser gleichsam exotischen Perspektive (bis zum 5. Mai, Katalog 360,– Fr). Günter Metken